Zuschauergespräch zu „Aus der Traum!“ – Volkskrankheit Burnout?

18. Januar 2012 von masch

Spende + Traum 042_800pxWir sind das Volk! Sind wir alle burn-out?“ Mit dieser Frage eröffnete Intendant und Regisseur Jürgen Zielinski in Anwesenheit der TdJW-Paten Dietmar Bär und Sebastian Krumbiegel und einem mehr als vollen Foyer Etage Eins das Inszenierungsgespräch zu „Aus der Traum!“ Zielinskis Frage richtete sich an die beiden Podiumsgäste, den Leipziger Sportphilosophen und Junior-Professor der Universität Leipzig Arno Müller und an den Ärztlichen Direktor des St. Joseph-Krankenhauses Dessau, den Psychiater und Psychotherapeuten Dr.med. Dr.phil. Moritz Heepe.

Beide Fachleute wiederum bestätigten, dass der Modebegriff „Burnout“ medizinisch gesehen fragwürdig sei, auch wenn der Begriff dazu beiträgt, Menschen, die an einer depressiven Störung leiden, zu entstigmatisieren. Auf der anderen Seite könne sich die falsche Vorstellung verfestigen, dass ein Burnout allein mit einer beruflichen Überforderung, einer (Selbst-)Ausbeutung zu tun habe. Diese Störung sei nicht einfach zu reduzieren auf „viel Arbeit“ (Heepe). Eine sich entwickelnde depressive Störung, was der sinnvollere Begriff für die gemeinten Symptome sei, sei ohne eine eigene innere Bereitschaft nicht denkbar.

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Und auch wenn der derzeitige „Outing-Hype“ (Jürgen Zielinski) dies vermuten lasse, Leistungssportler sind nicht gefährdeter als andere Menschen, auch wenn diese durch ihre „primär auf Sieg eingestellte“, perfektionistische Einstellung (Prof. Müller) nicht unwesentliche Voraussetzungen mitbrächten. Dennoch solle man die Begriffe Leistung und Erfolg nicht vermischen. Hohe Leistung erbringen auch viele andere Menschen auf wesentlich unspektakulärere Weise. Dennoch steigt die Gefahr, wenn der spielerische Aspekt im Sport zunehmend abhanden kommt.

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Man muss verlieren können um wirklich gewinnen zu können

Noch ist völlig unklar, warum manche Menschen in scheinbar vergleichbaren Situationen anders mit starken Druck- und Belastungssituationen umgehen oder an ihnen leiden. Niederlagen zu lernen, sie als zum Leben gehörende Erfahrungen zu werten, gehört sicher zu den wesentlichen Voraussetzungen, die es erleichtern, in schwierigen Situationen psychisch nicht einzubrechen. Dies konnte Prof. Heepe mit einer sehr bildhaften Geschichte aus der Mongolei anschaulich machen. Ob es nur Zufall war, dass er keine Anekdote aus dem westlichen Kulturkreis angeführt hat? Die viel größere Wertschätzung von Arbeit, Leistung und Erfolgsstreben für eine ‚gelingende’ Persönlichkeitsentwicklung hierzulande ist ja nicht unbekannt.

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Ratgeber á la „Simplify your life“ wegzulegen, war übrigens die konkreteste Aufforderung Prof. Heepes, wenn es nach Rezepten für das eigene Leben ging. Dennoch stellte Jürgen Zielinski nach einer kurzen Schilderung seines Tagesablaufs den anwesenden Fachleuten die Frage, was er denn nun machen müsse, um keinen Burnout zu erleiden.

Im Allgemeinen könne man depressiven Störungen durch verhaltenstherapeutische Ansätze, durch die Gestaltung des zwischenmenschlichen Lebens und – im akuten Fall – durch die Einnahme von Antidepressiva begegnen.

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Viel Arbeit und/oder gelingendes Leben?

Doch „was ist ein gelingendes Leben?“ Die Frage, die Arno Müller in Bezug auf philosophische Antworten auf den Befund einer depressiven Störung stellte, zieht den Horizont für ein Gegensteuern gegen depressive Entwicklungen weit. Man solle sehr bewusst an die Fragen nach dem eigenen Sinn seines Leben gehen und sich nicht scheuen, die Frage: „Wie möchte ich mein Leben aktiv gestalten?“ zu beantworten.

Die Zuschauerfrage, ob denn die Krankheit oder die Stigmatisierung für den Betroffenen schlimmer sei, konnte so ohne weiteres nicht beantwortet werden. Eine Situation wie die im Stück, wo der Protagonist lange versucht, seine depressive Störung hinter einer selbstdisziplinierten Fassade zu verbergen, obwohl ihm schon längst aller Saft entzogen sei, kein Spaß mehr an seinen Tätigkeiten empfunden wird, sei jedenfalls bedenklich genug.

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Sebastian Krumbiegel fragte danach, ob das „Burnout“ nicht doch eine Modekrankheit von heute sei; Prof. Heepe schätzte dies so ein, dass früher entsprechende Störungen mit anderen Symptomen bzw. Diagnosen versehen wurde (Rückenschmerzen!).

Dietmar Bär wollte – mit Bezug auf die vorhergehende Inszenierung – wissen, ob es auch berühmte Leistungssportler gebe, die eher mit einem Psychiater als mit Kai Diekmann (BILD) redeten. Dies führte zu einer Diskussion über die sich entwickelnde Industrie von Mental- bzw. Psychocoaches. Eine wirkliche Veränderung innerhalb des Leistungssports im Sinne einer Wertehinterfragung konnte allerdings nicht festgestellt werden.

Die lebendige Diskussion wurde auch nach Ende der Veranstaltung im Foyer Etage Eins und später im Café Lindex fortgesetzt.

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