Zertanzte Schuhe in Kempten. Reiseprotokoll, Teil 2
13. Dezember 2011 von FritziSonntag, 11. 12.
8:30 Heute ist erstmal Ausschlafen angesagt! Und das ist wirklich sehr angenehm nach einer Woche voller Doppelvorstellungen… Trotzdem bin ich zeitig wach. Und auch ein wenig aufgeregt. Das ist mein erstes Gastspiel als Regieassistentin und es gibt noch Einiges zu tun vor der Vorstellung am Nachmittag. So müssen wir zum Beispiel einige Auftritte und Sequenzen verändern, weil die Bühnenbedingungen und der Zuschauerraum in Kempten anders sind als bei uns in Leipzig. Ob ich deswegen Kopfschmerzen habe? Wie auch immer… Jetzt wird erstmal ausgiebig geduscht.
9:35 Geduscht, gestriegelt, gezahnputzt, gekleidet und geschminkt klopfe ich drei Türen weiter bei Frau Fues. Ja, ich darf die Klügste Prinzessin höchstpersönlich zum Frühstück abholen. Und ihr dürft jetzt alle mal neidisch werden.
9:45 Der Frühstückssaal ist gut gefüllt und dementsprechend hoch ist der Geräuschpegel. Über den Raum verteilt sitzen Moritz und Anke, Max, Rosi, Isabelle, Anna-Lena, Emanuele, den wir alle „Lele“ nennen… aber einer hat den absoluten Focus. Es ist Leles kleiner Sohn, der sich als gesangliches Naturtalent heraus stellt und damit auch bei den anderen Gästen des Hotels für Stimmung sorgt.
10:30 In Kempten auf der Suche nach… einem Brezelbäcker. (Na? Für welche Szene wohl?) Das ist hier im Allgäu zum Glück kein Problem, auch nicht am Sonntag.
11:30 Im Theater! Jetzt wird es spannend. Unser Bühnenbild steht, allerdings ist die Bühne hier nur halb so tief wie unsere in Leipzig, was bedeutet, dass es etwas eng werden wird. Und es fehlt ein Zug- nämlich der für den Fernseher im Marktbild. Aber Steffen Wieser, unser Technischer Direktor, hat sich schon etwas ganz Besonderes einfallen und Doreen zwei Kostüme mehr mitbringen lassen… wie Paul sagen würde: „Es läuft.“
Auch für den Weg zum See, der bei uns die über die Galerie führt, und den Abflug des Soldaten müssen wir Alternativen finden. Das Theater hier hat außer dem Parkett noch zwei Ränge, aber eben keine Galerie. So werden die Prinzessinnen heute vor der ersten Parkettreihe über die große Wurzel stolpern, und Soldat Lele fliegt mit den Zauberstiefeln durch die Loge ins Off… Und wann gibt Hans, unser Beleuchter, das Licht für diesen Marsch? Er kann nicht sehen, wenn die drei Mädels aus der Loge steigen. Hmm. Anna-Lena: „Ich könnte doch eine Taschenlampe dabei haben!“ Ich: „Haben wir eine Taschenlampe für die Prinzessinnen?“ Steffen: „Na klar!“ – Problem gelöst. Eine leuchtende Taschenlampe ist ein eindeutiges Zeichen und fügt sich wunderbar in diese nächtliche Szene ein.
Nach rund anderthalb Stunden haben wir uns alle „orientiert“ und jetzt bleibt noch eine kurze Stullenpause bis zum ersten Maskentermin.

13:45 In der Maske. Rosi und Isabelle sind schon da. Ebenso Uschi, die heute als Erste dran ist, weil Rosi es übernommen hat, sie zur Alten Frau zu schminken. Es sind nämlich nur zwei anstelle der sonst drei Profis mit auf das Gastspiel gekommen- und ich hatte eine Woche Zeit, mich auf meinen ersten Einsatz als Aushilfsmaskenbildnerin vorzubereiten… Auf dem mir zugeteilten Platz stehen die Tusch-, Rouge- und Farbkästen – oder wie auch immer man im Fach-Jargon dazu sagen mag -, da ist die Klammerschatulle, dort liegen die Pinsel, die verschiedenen Kleberollen, Puderquasten… Ich bereite mir die Grundierungen vor und alles was ich brauche, um Anke Stoppa zur Prinzessin und Moritz Gabriel zum Franzosen zu schminken. Aber erstmal werden die Mikroports geklebt.
14:33 Steffen Wieser kommt hereingestürmt. „Leander steht im Treppenhaus und weint… kann mal jemand kurz…“ Ich springe die Treppen hoch. Der Kleine hatte in einer der Garderoben seinen Mittagsschlaf gehalten und ist gerade aufgewacht – mitten im Soundcheck. Ich trage ihn auf die Hinterbühne. „Schau mal- da singt dein Vater…“ – Lele übt gerade das „Sehnsuchtslied“ mit Elisabeth. Und schwupps, sind die Tränen getrocknet. Theater ist schon was Feines.
14:37 Weiter geht´s. Der Franzose braucht noch seinen Herzkirschenmund. Und die blauen Augen. Und den Schönheitsfleck. Und die Augenringe. Das Rouge nicht vergessen… und die Perücke. Ein ganz schöner Aufwand für einen kurzen Gang zum Schafott.

14:50 Gösta singt im Foyer sein Ausrufer-Lied… gleich beginnt die Vorstellung.
15:00 Unsere 19. Vorstellung beginnt! Vor sage und schreibe 478 Zuschauern.
15:21 Ganz schön eng auf der Seitenbühne- in Leipzig haben wir mehr Platz. Aber unsere Super-Techniker schaffen es selbst auf engstem Raum, den Frühstückstisch elegant an Schauspielerinnen und Schauspielern, Maskenbildnerinnen, unserer Requisiteurin und wer sich noch so alles dort tummelt, vorbeizuschiffen. Die Texte unserer Schauspieler werden übrigens abwechselnd von diversen Leuten des Teams lippensynchron mitgesprochen…
15:26 Das Marktbild beginnt… und damit der große Auftritt von Daniel und Vlad alias Kojak und M. Aber seht selbst.
Und was soll ich sagen. Das Kind hat heute eine echte Bayerische Brezel, die es dem Soldaten hinreichen kann.
15:43 Pause. Das heißt für mich: Lippenauffrischen und Nachpudern bei Anke.
16:03 Weiter geht es mit dem zweiten Teil. „GIRLSNIGHTOUT!“ Ich habe diesen Song seit Beginn der Probenphase bestimmt schon hundertmal gehört. Und liebe ihn immer noch.
16:19 Die Prinzessinnen begeben sich auf den „neuen“ Weg von der Tankstelle zum See…
16:26 Schnell noch eine Spange ins Haar, die Maske und das Krönchen auf und —– it´s Partytime! Auch in Kempten haben die Kinder sehr viel Freude an den aufwendigen Choreographien, ganz zu schweigen von unserem super-coolen Break-Dancer, der einen Extra-Applaus bekommt.
16:40 Happy End? Natürlich. Das haben wir nicht verändert!
16:45 Nach dem vermutlich längsten Applaus seit der Premiere dürfen die Schauspielerinnen und Schauspieler sich abschminken und duschen gehen. Und ich? Ich gehe mit Leander seine Apfelschorle aus dem Foyer holen.
17:10 Ab jetzt heißt es: Feierabend! Ein weiterer Besuch auf dem Weihnachtsmarkt steht an. Und ab 18:00 haben unsere aktiven Jungs einen Tisch im Restaurant reserviert – damit uns nicht dasselbe passiert wie am Vorabend. Des hamma uns verdient.

Und morgen geht es weiter.
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