“HERZKAMMERN. Spiegellabyrinthe” von Steffen Georgi
25. Juli 2010 von maschAuch das sei eine Negativerscheinung von Aufklärung, postulierte einmal der Dramatiker Heiner Müller, dass die Leute ständig meinten, sie müssten was verstehen im Theater. Aber der Kopf, so Müller weiter, gehört nicht ins Theater. Und warum nicht? Nun: weil man mit dem Kopf keine Erfahrungen macht. Das Hirn ist eine Interpretationsmaschine. Ein Systematisierungs-, ein Ordnungsorgan. Hungrig nach Information. Bedürftig nach Struktur. Logos und Ratio scheuen das Chaos, fürchten die Unordnung. Chaos und Unordnung sind Störfaktoren. Sind Staatsfeinde.
Doch vom Stören, vom Unordnung-Schaffen, lebt die Kunst, lebt das Theater. Wenn es denn lebt, wenn es denn lebendig ist. Verständlich also, dass ein (staatstragender) Philosoph wie Platon die Künstler aus dem Staat verbannen wollte. Verständlich, dass sein Schüler Aristoteles das Herz die »Akropolis des Körpers« nannte. Verständlich deshalb, weil das Herz hier, erhaben auf hellenistisch hohen Säulen schlagend, ein Lebenszentrum wohlgeratenen Ebenmaßes ist. Marmorweiß, nach Möglichkeit. Eine sehr logische, eine sehr vernünftige Vorstellung, geboren aus der Notwendigkeit, der Unordnung, dem Weltenchaos, dem Impulsiven der menschlichen Destruktivität – von der sowohl Platon als auch Aristoteles so einiges wussten –, etwas entgegenzusetzen. Das Herz, nach damaliger Vorstellung Sitz von Geist und Seele, wird so deren beider aufgeräumtes Wohnzimmer. Eins ohne dunkle Ecken. Das Herz, systematisch ordentlich. Das Herz – eine philosophische Kopfgeburt. Mit dieser begann jener blutpumpende, faustgroße Muskel seine Karriere als Metapher für alle Höhenflüge und Abgründe der Conditio Humana. »Mein Herz so weiß« sagt ausgerechnet Lady Macbeth im Angesicht ihrer blutigen Hände. Während Joseph Conrad sein »Herz der Finsternis« auf einem der damals, 1899, letzten weißen Flecken Afrikas in der Brust des Elfenbeinhändlers Kurtz schlagen lässt. Zwei Herzen im Rhythmus eines Macht- und Blutrauschs und eines Wahnsinns, der auch der der Zeit war. Über alle Zeit hinweg. Bis heute. Das Grauen … das Grauen, stöhnt da Kurtz qualvoll im Angesicht eben jenes Grauens, das vor allem ja er selbst initiierte. Und Lady Macbeth, hunderte von Jahren früher, weiß genau, was er meint. So wie auch Kurtz’ heutiger Wiedergänger in Coppolas Film »Apocalypse Now«; jetzt ein Oberst Kurtz, seines Zeichens aus dem Vietnam-Krieg desertierter Soldat der US-Streitkräfte, der sein ganz persönliches Dschungelparadies als große, grausig-surreale Apokalypse-Oper inszeniert. Philosophierend zwischen Leichenbergen. Das Herz selbst, erzählt uns das, ist ein Dschungel. Ein dunkler, wuchernder und vor allem lockender Höllenschlund, der die Dämonen ausspuckt, die uns fressen werden. Weshalb man noch im 15. und 16. Jahrhundert es für angemessen hielt, Herzen aus den Brustkörben einschlägiger Delinquenten herauszureißen und zu verbrennen. Und, man vergesse dabei den Vampir nicht, dem nur ein Pfahl, durch sein untotes Herz gerammt, den Garaus machen kann. Schließlich ist selbst dort, wo das Herz liebt, Vorsicht geboten. Denn wo Liebe ist, lauert Eifersucht. Und Hass sowieso. Und hörte man nicht außerdem von den Kinderherzen, die man brauche für jene alchemistischen Tinkturen, die einen verjüngen oder die das Herz dessen, der sie trinkt, entflammen lassen in Liebe zu jenen, die den Trank verabreichen? Also auch das ist das Herz: ein Liebeszauber-Zutatenlieferant. Nicht nur Ludwig Tieck wusste über derlei düster-schöne Geschichten zu erzählen. Und »Das Herz ist ein dunkler Wald«. Und »Das Herz der Finsternis«. Und deshalb gibt es «Das abenteuerliche Herz« und das sehnsüchtige natürlich und das Herz voller Fernweh und voller Wehmut. Und es gibt das »Tintenherz« und »Das gläserne Herz«, es gibt »Das verräterische Herz«, es gibt »Das kalte Herz«. Es gibt Herzschmerzen und Herzschüsse, es gibt beflügelte, gebrochene, leichte und schwere Herzen. Es gibt Neill Youngs »Heart of Gold«, Tom Waits’ »The Heart of Saturday Night« und Frank Zappas »Broken Hearts are for Assholes«. Es gibt ganze himmelhochgetürmte Gebirge besungener Liebes-Herzen. Es gibt Kammerflimmern, Herzrasen, Mörderherzen, Hasenherzen. Man soll auf sein Herz hören, obwohl man weiß, wie oft Herzen töricht sind. Man vergießt sein Herzblut für eine Sache und macht wegen einer anderen aus seinem Herzen eine Mördergrube – in Folge dessen man dann wieder gern Herzblut vergießt. Dann vornehmlich freilich das der anderen. Und zwar unbarmherzig. Dann wieder ist das Herz schwer empfindsam. Von den Minnesängern zu den Romantikern bis hin zur Vampir-Kitsch-Tante Stephenie Meyer oder zu Nora Roberts, die weiß, »Wo mein Herz wohnt«. Und nur liebend ist ein Herz ein Herz, behauptete da der Hoffmann von Fallersleben, und Novalis erkennt das Herz als den Schlüssel der Welt und des Lebens, und schließlich säuselt dann noch ein kleiner Prinz, man sehe nur mit dem Herzen gut, da das Wesentliche für die Augen unsichtbar sei … Und so wird dieser pochende Muskel in unserer Brust, der Akropolis des Körpers und Hort der Finsternis sein soll, dann auch noch ein Ort der Seele, des Liebens und des Glaubens. Ja, was denn noch alles, verdammt noch mal? Und: Sollte tatsächlich das Herz – welches auch immer – besser ins Theater passen als der Kopf? Das Herz also keine »Akropolis des Körpers«, sondern ein impulsiver, sentimentaler, grausamer, mitfühlender, in jedem Fall wirrer Gefühlschaot? Noch mal die Frage: Wo der Kopf, wo das Gehirn ein Ordnungssystem installiert (und auch, wenn dieses Ordnungs- ein Wahnsystem ist, so hat eben dieser Wahn auch seine Ordnung, seine Struktur, seinen Wahn-Sinn), setzt dem das Herz also den Impuls, das Undurchdachte, Unreflektierte entgegen? Nun, ganz so einfach ist es wohl nicht. Auch wegen der anderen beiden Spielgrößen, »Bauch« und »Seele« nämlich. Der Bauch sei dabei hier mal ignoriert, der wird erst interessant, wenn er hungrig ist. Eine ganz andere Angelegenheit ist dann aber allerdings die Seele. Ziemlich diffuse Sache: Wie das Herz hat auch die Seele eine große Karriere als Metapher für alles Helle und Dunkle hinter sich, wie das Herz ist sie begehrt (Seele verkauft, Herz gestohlen). Ansonsten ist die Seele etwas noch Nebulöseres. Manche sagen ihr ein Gewicht von 21 Gramm nach, andere sahen, wie sie sich verflüchtigt hätte als sanfter Odem aus einem gestorbenen Körper, befreit in die Unsterblichkeit. Volkstümliche Meinung ist gerne, die Seele wohne im Herzen (auch das noch!) oder, wie der Philosoph Descartes meinte, die Seele sitze an der Zirbeldrüse (keine schlechte Theorie). Fakt ist: die Seele ist eine ziemlich immaterielle Angelegenheit. Im Gegensatz zum Herzen. Im Zweifelsfalle ist ja ein Muskel dann eben einfach ein Muskel. Im Zweifelsfalle, wie gesagt. Denn Materialismus hilft hier auch nicht wirklich weiter. Chirurgen sind als Philosophen nicht sonderlich inspirierend. »Ich bin so klein, mein Herz ist rein …«, geht das Kindergebet. Die melancholische Erwachsenen-Variante davon könnte diese sein: »Mein Herz so klein / und die Welt darin, verloren.« Eine alte Denk- und Empfindungstradition, wurzelnd in kabbalistisch-jüdischer und frühchristlicher Mystik. Das war immer ein Tenor aus dem Abseits: Dass das Herz (das metaphorische natürlich, nicht das anatomische), wäre es begehbar, sich als ein Labyrinth entpuppte, als ein Spiegelkabinett, in dem sich, aus unzähligen verschiedenen Winkeln, all das reflektierte, was man über die Jahrhunderte »dem Herzen« andichtete zu sein. Das Herz ist dann nicht »empfindsam«, »hart«, »mitfühlend« etc., sondern in den Verzweigungen und Winkeln dieses Labyrinthes fände sich all das auf einmal versammelt. Das Helle und das Dunkle in allen Schattierungen. In jedem Einzelnen eine »Akropolis des Körpers«, unentwirrbare Gänge, ausgestattet mit Spiegeln, die uns die Welt als jene »unvollkommene Schöpfung« reflektierten, die sie ist. In all ihrer Schönheit und all ihren Verwerfungen. Und tatsächlich – mit dem Kopf allein ist diese Welt nicht zu erfahren. Mit der Ratio allein nicht zu begreifen (mit der allein begreifen wir nicht mal uns selbst, auch wenn wir uns gern Gegenteiliges vorgaukeln). Die Kunst aber – das Theater zumal – bietet eine Art Ariadnefaden, weil es die Möglichkeit eröffnet, diese Spiegellabyrinthe erfahrbar zu machen, ohne sich darin zu verlieren. Auf die Bühne passt die Welt immer noch. Die Möglichkeit: Erfahrungen durchspielen zu dürfen, die man nicht durchleben kann, darf und will. Der Gang ins Theater als ein Blick in unsere Herzen. Die mehr sind, als nur eine feststehende Metapher. Und mehr als nur ein Muskel sowieso.
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