„Soachtungbitte“: Paul Kuhn!
19. Januar 2009 von smoeEinmal habe ich Matthias Kuhn böse auf die Füße getreten. Da dachte ich noch, er sei der Busfahrer und rief ihn auch so… Dabei nennen ihn hier alle nicht umsonst Paul. Nach Paul Kuhn, dem swingenden Musiker am Flügel, dem Star und Entertainer – wie Matthias eben einer ist. Den Leipziger Schlagerfans bleibt er als Travestie Paula unvergessen, denn von 1988 bis 2006 war seine Schöpfung Paula der Renner auf den Karnevalsfeiern und Firmenfesten der Region. Diese 18 Jahre mit Schminke und Kostüm im Rampenlicht sind nicht aus ihm rauszukriegen. Sogar seine Zigaretten lässt Paul noch auftreten, wenn er mit gespreizten Fingern elegante hunderter Längen aus der Schachtel zieht und die runde Glatze dazu noch mal so schnieke glänzt. Wie so einer ans TdJW kommt? Paul ist hier die Institution.

Matthias Kuhn, 1966 in Greiz geboren, war als Kind der Klassenkasper und wollte Schauspieler und Koch werden – lernte aber Schlosser und war natürlich unzufrieden. 1985 fragte ein ehemaliger Schulkamerad (und zufällig seinerzeit Bühnenmeister am TdJW), warum er nicht auch ans Theater komme. Matthias schien das passend; ein Jahr später wurde er hier zum Techniker und zu Paul. Er hat sich über die Jahre in beinahe alle Abteilungen eingearbeitet, machte einen Maskenbildner-Crashkurs, betreut den Fuhrpark und die Klassenzimmerstücke und ist zum ersten Inspizienten aufgestiegen.
Also zumindest auch Busfahrer. „Das hat nichts mit Busfahren zu tun!“, diktiert Paul, der schon mit 17 den LKW-Führerschein machte. „Ich musste ihn von Anfang an fahren, also kümmere ich mich auch um den ganzen anderen Kram. Ich bin da rein gewachsen.“ Und mit dem grünen Theatermobil schon irgendwie zusammengewachsen, gesteht er jetzt doch. „Da ist schon eine starke Verbindung: Wir sind beide dick, bunte Vögel und bekannt in der ganzen Stadt. Es macht Spaß, wenn die Kinder auf der Straße auf uns zeigen.“
Nicht nur für die Kinder sind Paul und der Theaterbus als Gespann eine Marke, man trifft sie halt meist zusammen und das Gefährt macht den Eindruck, dass es wirklich nur auf Paul hört. Das fährt morgens um halb Neun mit zur Spielplanvorstellung an der Schule, ist auf der Buchmesse und den gemeinsamen Auftritten im Zoo dabei und geht auf Gastspielreisen. Zum Beispiel in „Wagen 1322“. Da sitzt zwar eine Schauspielerin am Steuer. Aber als Leitstelle fungiert Paul, der im Technikfahrzeug nebenan per Babyphone mithört und von dort aus nicht nur das Licht regelt. „Nach dem Black sause ich dann rein zum Applaus“, das lässt er sich nicht nehmen.
Schließlich ist Matthias Kuhn doch irgendwie Schauspieler geworden. Auch wenn er seine Paula vor drei Jahren eingemottet hat, kann er die Sucht nach Rampenlicht in (vermeintlichen) Nebenrollen ausleben. Und er wird nicht selten besetzt. Seine erste Rolle übernahm Paul als Turmwächer in „Dornröschen“ schon 1986. Anschließend sprang er als Ferkel in „Katz und Kätzchen“ ein und übernahm 1987 mit dem Lucignolo in Pinocchio seine erste große Rolle mit Text. „Als der Schauspieler nicht auftauchte, sagte der Regisseur zu mir: ‚Wenn der in 10 Minuten nicht da ist, ziehste dich um!’“ Seither ist Paul in zahllosen kleinen Rollen auf der Bühne zu sehen, in denen er effektvoll über die Bühne geht oder etwas serviert, ein Gebüsch tanzt oder den Hirsch gibt. Im „Unkommunikativen Krokodil“ spielt er sich selbst beim ununterbrochenen Umbau und in „Tintenherz“ ist er Inspizient und Bösewicht zugleich. „Caprikuhn nennen die Kollegen meine Paradedoppelrolle. Wenn ich unter der Verkleidung auf der Bühne stehe, glauben alle Kinder, ich spreche Capricorns Text. Aber nein, ich rede per Funkgerät weiter mit der Technik, sage ‚Achtung für die Goldmünzen – Lichtwechsel – Scheinwerfer runter!’ und so etwas.“ Dass er in dieser Spielzeit noch keine Rolle bekam, empört ihn ehrlich: „Wenn ich nicht mitspiele, kann ich mich auch nicht verbeugen! Aber ein paar Klatscher werden auch für mich als Inspizient dabei gewesen sein, denke ich mir dann“.
Paul Kuhn hat nämlich noch anderes zu tun, als auf der Bühne den heftigsten Applaus einzuheimsen. Viel öfter als in Nebenrollen wird er als Inspizient besetzt, dessen sonores „Soachtungbitte!“ Schauspieler und Techniker in stundenlangen Proben auch nach der x-ten Wiederholung bei der Stange hält. Was bedeutet dieser Job für ihn, der, nach eigenen Worten, in die Inspizienz „rutschte“?
„Es ist ja ein Beruf, den man nicht erlernt. Entweder man hat’s oder man hat’s nicht“, sagt er sofort. Es gebe hier auch keinen Unterschied zum Erwachsenen-Theater. „Es ist der gleiche Job, ob wir nun Märchen oder den Nathan spielen.” Kinder bekämen viel mit und gingen nicht über Fehler weg. Man müsse schon sehr präzise sein. Immer. “Wichtig ist optisches und akustisches Feingefühl für alle Dinge, die auf der Bühne passieren. Man darf nicht stur am Text hängen, sondern muss beachten, dass Schauspieler ihre künstlerische Freiheit haben – und dann schnell reagieren können. Mein Ansinnen ist es, zum Gelingen einer guten, reibungslosen, fehlerfreien Vorstellung beizutragen. Ich freue mich zwar, wenn es den 300 Kindern da draußen gefällt. Aber einen pädagogischen Auftrag verspüre ich nicht.“ Er macht eine nachdenkliche Pause und fügt sehr ernst hinzu: „Man muss wissen, dass es für die Schauspieler ist, was man tut. Ich identifiziere mich mit ihnen. Aber auch mit den Technikern, eigentlich mit allen, die mit dem Stück etwas zutun haben. Ich bin mit allen Sinnen auf der Bühne mit dabei.“
Im Grunde ist Paul Kuhn mit allen Sinnen Theater. Er ist eben nicht nur Inspizient, sondern scheint das Haus als Ganzes usurpiert zu haben. Im Foyer schreitet er Besuchern mit offenen Armen entgegen, „aber wenn die Leute mit Coladosen rumwerfen, sag ich was.“ Jeder neue Mitarbeiter wird von ihm mit Handschlag und dem Satz begrüßt: „Frag mich, ich weiß, was hier läuft und was nicht.“ Ein Gastregisseur meinte einmal zu ihm: „Wenn ich dir die Hand gebe, gebe ich der Institution die Hand“.
Vielleicht, weil Paul sich für alles zuständig fühlt. „Ich bin am Theater wie ein Freund, am liebsten immer und überall präsent“, sagt er. Vielleicht auch wegen seiner heiteren offenen Natur, die stets Fröhlichkeit ausstrahlt.
Vielleicht ist das Besondere (und Komische) an ihm auch, dass er alles in Theater verwandelt. Ob es sein „Soachtungbitte!“ oder seine „Rolle“ als Busfahrer oder die Art ist, wie er (in der „Dreigroschenoper“) bloß ein Radio auf die Bühne bringt und sich für den Zwischenapplaus verbeugt („Bitteschön, man ist ja nicht unhöflich!“) – alles wird bei ihm zum Spiel mit Authentizität und sein Gegenüber zum Zuschauer, der sich verwundert die Augen reibt. Er sagt dazu nur: „Dass andere Menschen Spaß an mir haben, ich sie zum Lachen bringe, das ist schön.“
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