Die mit der Kunst flüstert, II

19. Dezember 2008 von smoe

„Trotz der großen Bedeutung dieser Position für den erfolgreichen Verlauf einer Vorstellung gibt es keinen eigenen Ausbildungsgang für Inspizienten.“

Susann Fiedler bei "Ikar - zu Wasser, zu Lande, in der Luft (Das Labyrinth)"
Susann Fiedler bei “Ikar – zu Wasser, zu Lande, in der Luft (Das Labyrinth)”

Susann Fiedler wollte als Kind einmal Tänzerin werden. Dass das „wegen zu krummer Arme“ nicht klappte, scheint sie nicht zu betrauern. Auch Schauspielerei reizt sie nicht besonders. Die vielen Proben und das Sich-darstellen-müssen schon am frühen Morgen schrecken sie eher ab, gesteht sie grinsend. Wie kommt eine Wettkampfsportlerin, die nie vom Theater träumte, ausgerechnet zur Inspizienz? „Ich kann mich nicht erinnern, als Kind ins Theater gegangen zu sein, ich hatte überhaupt keinen Zugang. Es war Zufall, hier zu landen, wie bei meiner ersten Ausbildung. Der Job hat mich ausgesucht.“

Die 31 jährige gebürtige Leipzigerin machte nach der Schule im Wendedurcheinander „aus Zufall“ eine Friseur-Ausbildung und arbeitete anschließend noch drei Jahre in dem Job – unzufrieden, weil sie dort ihre Kreativität nicht ausleben konnte. In der Freizeit hing sie oft im Jugendclub ab, wo sie Tilo Esche kennen lernte, kurz bevor der Intendant am TdJW wurde. Esche stellte sie 2000 als Requisiteurin ein und Susann ging plötzlich leidenschaftlich gern zur Arbeit. „Das Bauen und Basteln war klasse, das mache ich heute noch total gerne, wenn ich einspringen darf!“ Der neue Intendant Jürgen Zielinski übernahm sie 2004 – als Inspizientin. Mutig stürzte sich Susann in die Aufgabe, lief Monate lang dem 1. Inspizienten nach und betreute schon 2005 ihr erstes Stück alleine. „Ich wurde wunderbar aufgenommen!“ schwärmt sie noch heute. „Zum Start bekam ich eine Zuckertüte mit Inspizentenwecker geschenkt und bis heute bekomme ich viel Hilfe und Verständnis von den Technikern.“ Die Stücke wurden immer größer und ihre Einsätze immer häufiger. Mit dem „Drachen“ betreut sie nun ihr erstes großes Weihnachtsstück.

„Der Inspizient bedarf vor allem einer gewissen Gelassenheit, um sicher und konzentriert auf unvorhergesehene Zwischenfälle während einer Aufführung reagieren zu können. Er sollte außerdem kommunikativ sein und gut mit Menschen umgehen können, benötigt aber auch Durchsetzungsstärke.“
Wenn ich Susann bei den Endproben traf, staunte ich immer, mit welcher Robustheit, Ruhe und Präsenz diese zarte Person dem Wirbel begegnet. Wo andere in Tränen oder Hektik ausbrechen würden, bleibt Susann ein Fels in der Brandung. „Das sieht nur von außen selbstsicher aus“, sagt sie dazu. Aber das glaube ich nicht. Man muss in dem Job tatsächlich eine ganz gewisse innere Gelassenheit, vielleicht ähnlich der von Piloten, haben, die einen zugleich fest, flexibel und freundlich macht. Nach kurzer Überlegung sagt sie: „Stimmt, je mehr sich jemand aufregt, um so ruhiger werde ich.“ Auch neigt Susann selbst offenbar nicht zu impulsiven Reaktionen, wiewohl sie immer spontan ist. Diese Ehrlichkeit bringt ihr vermutlich die Achtung der Kollegen ein, auf die sie dringend angewiesen ist (die Inspizientin ist auch die Überbringerin schlechter Nachrichten und diejenige, die ungeliebte Dinge zur Umsetzung bringen muss).

„Es sind unglaublich viele Aufgaben auf einmal: die Schauspieler, die Bühne, die Requisiten, Licht- und Ton. Während der Proben ist das oft hektisch“, gibt sie zu. „Wir ecken dann schon mal an und haben, naja, lauteren Austausch. Das passiert aber selten. Ich werde enorm gut angenommen, auch wenn die Kollegen immer mal über mein Sicherheitsdenken lächeln“ (zum Beispiel, wenn sie das Lichtzeichen besonders lang hält). Was zeichnet sie noch aus? „Ich bin ziemlich direkt, bremse den Regisseur, wenn ich mit meinen Notizen nicht nachkomme und setze gegenüber den genervten Kollegen Extra-Proben durch, wenn ich sie für meine Sicherheit brauche. Außerdem bin ich ungeduldig und perfektionistisch. Wenn etwas zusätzlich gebaut werden soll, bestehe ich darauf, dass es sofort und richtig passiert. Es muss perfekt sein und seine Ordnung haben, wie mein Regiebuch“, schmunzelt sie. Aber Fehler (eigene oder fremde) bringen Susann auch nicht um. Sie zieht die Sache durch – zum Beispiel die von mir besuchte Drache-Vorstellung.

Neben Problemen mit dem Ton („Ton! Ton?“) und dem piepsenden Mikroport der Riesin kommt es nach der Pause ganz dick: In der Szene mit Bauer und Mädchen auf der Waldlichtung erkennt Susann sofort, dass die Kandistüte fehlt. Die Schauspieler durchwühlen den Rucksack noch mal überdeutlich (hat jemand gemerkt, dass sie es für die Inspizientin tun?) und stellen so klar: die Tüte ist nicht da! „Das ist schlecht, sie wird in der übernächsten Szene gebraucht und der Rucksack bleibt bis dahin auf der Bühne“, erklärt Susann relativ gefasst. Ich sehe ein Fiasko und kriege Panik. Susann setzt weiter Technikzeichen und überlegt (unendlich lange, für mein Gefühl). „Legt die Tüte auf den Wagen!“ funkt sie dann zur Hinterbühne, von wo sie aber keine Antwort erhält. Wir können nun vom Stellwerk aus nur gebannt dem Szenenwechsel zusehen: Der eingewickelte Forscher fährt auf dem Holzwagen herein – mit Tüte, die sich das Mädchen, schön mir nichts-dir nichts, einsteckt (wem kam da etwas komisch vor?). Wie die Schauspielerin es schafft, die Tüte anschließend noch im Rucksack zu verstauen, bleibt auch der Inspizientin verborgen.

Wie hält Susann diese Anspannung aus? „Wichtig ist, dass man mit sich selbst im Gespräch bleibt und sich immer wieder fragt, ob man glücklich ist. Das muss man am Theater sein, sonst kann man den Job nicht machen“, betont sie. Theater als Ganzes ist ihr persönlich sehr wichtig geworden. Es half ihr aus der Krise in Jugendjahren und bedeutet heute eine besondere Art, aktiv zu leben. Zwar gibt es Tage, da ist sie nach drei Stunden fertig. Normalerweise kommen jedoch Regie-, Drama-, KBB-Sitzungen oder Brandschutz-Schulungen hinzu. Und während der Endproben ist sie oft 16 Stunden und mehr im Haus. „Ich sitze gerne nachts, wenn keiner etwas von mir will, in Ruhe über meinem Regiebuch, das unbedingt ordentlich sein muss. Oder ich bastle Requisiten weiter. Ich könnte dann meine Liege hier aufstellen, das macht mir überhaupt nichts. Ich möchte dann nicht nachhause.“
In solch einer Atmosphäre des Mitspielens kann am nächsten Morgen in der „Drache“-Probe aus spontaner Improvisierlaune so ein Spaß des Kanzlers mit der Inspizientin entstehen. „Mich freut immer, wenn meine Organisation und Einrichtung für die Schauspieler funktionieren und die damit spielen können. Wenn der Umbau inspiziententechnisch glatt läuft und dem Publikum die Szenerie gefällt, ist das eine innere Freude. Das tut gut nach der Anstrengung.“
Wenn Susann ihren Vorstellungsbericht unterschrieben hat, trifft sie die Schauspieler wieder im Café, zum Beispiel, um über den Verbleib von Kandistüten zu debattieren. In zwei Stunden beginnt die nächste Vorstellung.

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