Die mit der Kunst flüstert, I

18. Dezember 2008 von smoe

Vom Schnürboden rast eine bedruckte Fahne herab, direkt vor die Nase des Schauspielers. „Frau Fiedler, so geht das nicht!“ näselt Roland Klein und schaut dabei strafend zum Fenster hoch über der Tribüne. Die Fahne fährt wieder hoch, viel zu hoch, und wieder runter, zu tief und viel zu abrupt, sie gelangt jedenfalls nie in exakt die Position, die dem Kanzler und Zeremonienmeister barocker Ritterspiele genehm ist. Noch einiges mehr geht schief bei dieser Höfischen Probe während der „Drache-“ Vorstellung. Die lustige Episode erinnert stark ans richtige Theaterleben: Wenn Technik und Requisiten nicht funktionieren wie sie sollen, wird nach der allzuständigen „Frau Fiedler“ gerufen.

Bei der Vorstellung ist sie für die Zuschauer nicht immer sichtbar: Susann Fiedler

Die Rede ist von der Inspizientin. Susann Fiedler, eine junge, ausnehmend hübsche Erscheinung, agiert üblicherweise im Dunkeln. Am TdJW tritt sie bisweilen in ihrer Hauptrolle auf, etwa im „Ikar“, das erst beginnt, wenn Susann an ihrem Pult vor der Bühne Platz genommen hat, wo man sie während des gesamten Stücks ununterbrochen beim Flüstern und Schalten beobachten kann. Oder eben im „Drachen“, wo man sie leider nicht sieht und sie sich gerne vom Kollegen hochnehmen lässt. Alle im Haus wissen: Mit ihr steht und fällt das Stück, denn (so ein Fachblatt) der „Inspizient ist als Bindeglied zwischen Kunst und Technik für den organisatorischen Ablauf einer Vorstellung verantwortlich“.

Also für alles. Susanns Einsatz beginnt mit der Konzeptionsprobe. Ab dem Moment, in dem sie ihr Regiebuch erhält, muss sie wie die Regieassistenten ganz dicht am Regisseur dran bleiben, um alle seine Bemerkungen zu notieren. Überdies muss sie mit sämtlichen anderen Abteilungen (Dramaturgen, Technikern, Bühnenarbeitern, Bühnenbildnern, Masken- und Kostümbildnern, Requisiteuren, Schauspielern, dem Künstlerischen Betriebsbüro, der Öffentlichkeitsarbeit, dem Kartenservice – was fehlt noch?) engsten Kontakt halten (und pflegen!), damit Anweisungen umgesetzt und Probleme bekannt werden. Während der Proben sitzt Susann meist in der Nähe der Regie und konferiert über Mikros mit den Gewerken. Möchte die Regie das Licht anders, flüstert die Inspizientin kurz und wie durch unsichtbare Hand verwandelt sich die Beleuchtung. Tut sie es nicht, sagt der Regisseur „Susann?“, denn sie erfährt über ihren Kopfhörer als erste den Grund. So geht das auf der Probe wochenlang von allen Seiten: Susann hier, Susann dort! Ein nervenaufreibender Job – auch dann und erst Recht, wenn die Proben längst beendet sind: Steht das Stück im Repertoire, ist der Regisseur mit neuen Proben beschäftigt und die Inspizientin übernimmt die Regie hinter den Kulissen.

An einem Wochentag morgens um viertel vor neun treffe ich sie im Foyer, wo die Schulkinder schnatternd auf den Einlass zur Drachen-Vorstellung um halb Zehn warten. Eineinhalb Stockwerke höher nimmt Susann erst mal auf ihrem Stuhl neben dem Fenster Platz und blickt eine Weile auf die stille, dunkle Bühne hinab. „Diese fünf Minuten Ruhe auf der leeren Bühne zu erleben ist mir wichtig. Es fühlt sich an, als ob sie durchatmet und Kraft sammelt. Das ist ein schöner Moment.“ Hier im Stellwerk beginnt jetzt ihr Rundgang, auf dem sie alles und alle an der Aufführung Beteiligte(n) inspiziert, also überprüft. Wir gehen über die Galerie zu den Garderoben, wo sie („Morgen, Morgen, Morgen!“) mit Schauspielern und Requisiteurin offene Fragen klärt. Susann erfährt so, dass noch an einem Kostüm genäht wird und ein Schauspieler nach Luftschlangen (für einen Extrascherz) sucht. „Du bist wohl nicht genug inszeniert, dass du für solche Späße Zeit hast“, lästert sie. Im Bühnenbereich prüft Susann die Einrichtung, spricht mit Technikern, Bühnenarbeitern und Schauspielern. Der Bauer outed sich grimmig als Morgenmuffel, das Mädchen übt Handstand, lacht über Susanns nächtliche Kuchenbackaktion und braucht übrigens demnächst ein neues Notizbuch. Die Inspizientin macht nun die erste von drei Durchsagen fürs ganze Haus: „Es ist 9 Uhr, in einer halben Stunde geht’s los, wir erwarten 207 Zuschauer und beginnen jetzt mit dem Soundcheck.“

Während der Tontechniker die Schauspieler für den Soundcheck aufruft, schaltet Susann im Foyer das Rotlicht über den Eingängen an und bringt den Weihnachtsbaum zum leuchten. Zurück auf der Bühne, wo der Drache gerade in sein Mikroport faucht und die Hexe sich fertig bekleidet mit dem Ausruf „Auf ins Matriarchat – und ich hätte gerne eine Hausbar!“ in ihren Felsen verkriecht, sagt Susann um 9.15 Uhr erneut durch: „Achtung, es ist Einlass, Achtung Einlass!“, schaltet dann das grüne Licht über den Türen ein, passt im Foyer mit auf, dass die Schülergruppen nicht durcheinander geraten und kehrt schließlich an ihren eigentlichen Arbeitsplatz im Stellwerk zurück. Hier überprüft sie ihre Funkgeräte, spricht um 8.25 Uhr ins Mikro „Achtung, noch fünf Minuten“, wartet, bis der letzte Schüler sitzt, löst die Saalansage aus („Bitte schaltet eure Handys ab“) und, flüsternd jetzt: „Und los!“

„Im Verlauf des Abends (bzw. Morgens) veranlasst der Inspizient anhand des von ihm eingerichteten (…) Textbuchs alle dort auf (…) das Stichwort genau vermerkten Lichtwechsel, Toneinspielungen und szenischen Verwandlungen … Darüber hinaus werden von ihm die Künstler zum Auftritt gerufen…“ und zwar über das mit „Sprechverbindungen sowie optischen und akustischen Signalanlagen ausgestattete Inspizientenpult, von dem aus er den Verlauf der Aufführung steuert.“
Der Saal wird dunkel, die Bühne taghell. Susann hat den Blick auf die Szene gerichtet, eine Hand liegt an den Schaltern des Inspizientenpults, die andere am Walkytalky, auf ihrem Kopf sitzt ein Headset aus Kopfhörern und Mikrophon, vor ihr befinden sich ein Tischmikrophon, ein Telefon, das Regiebuch und eine Schale mit Grapefruitscheiben, aus der sie zwischendurch nascht. Hauptsächlich aber tippen Zeige- und Mittelfinger die Schalter der Lichtzeichen, mal kurz, mal lang, mal mehrfach, woraufhin beim Tontechniker oder Beleuchter das Rotlicht angeht, und flüstert sie in ihre diversen Mikrophone, zum Beispiel zum Bühnentechniker, der die Bäume, den Berg, die Flügel in Bewegung setzt und das Feuer entzündet, oder zur Garderobe, wo die Schauspieler ihren Aufruf empfangen (Susann aber nicht direkt antworten können, was im Verlauf dieser Vorstellung noch zu großer Spannung im Stellwerk führen wird). Das klingt so: „Achtung Flügel…und Feuer!… und Flügel weg.“ – „Achtung Schwein!“ – „Achtung für den Berg… Hofgesellschaft ins Foyer…und Achtung im Foyer …und der Berg…und Auftritt!“

Susanns Leitfaden für die ruhig und freundlich geflüsterten „Befehle“ ist ihr Regiebuch. Dort hat sie neben den Schauspielertext und die grün markierten Regieanweisungen ihre Einsätze in einem ordentlich kompliziert aussehenden Zahlen-, Kürzel- und Symboldurcheinander notiert. Ganz links stehen ihre Ansagen an die Technik, daneben die Nummern der Tonzeichen, ganz rechts stehen die Ziffern der Lichtstimmungen mit Kürzeln für die Geschwindigkeit. So sind die Ränder des Buchs zu geschrieben mit: „A 1, Rosi 10, 2x, EZ, 1, 21 M, M=L, 23.1, TI.“ Im Text hat Susann zusätzliche eigene Vermerke gemacht, wie „BII“ (Bauer auf Position zwei), „AH“ (Aufhellung), „Ritter ab, Bauer sitzt“. Besonders die Seite für den Drachenflug ist so voll, dass sie selbst Schwierigkeiten hat, ihre Anweisungen zu lesen: „Flugton – Erdenwürmer, Drache taucht ab, Berg auf Pos. 3, Licht rot, Flügel runter, Schrei, Feuer, Ende Feuer, Rotlicht aus, Fade out Musik, Zehweh – Horn“, das alles zusätzlich zu den Ziffern und Symbolen für Beleuchtung und Ton.

Dabei liegt Susanns Blick vor allem auf der Bühne anstatt im Buch. Sie weiß nach den intensiven Proben für jede Stimmung, wie die Musik klingen und wie schnell das Licht wegdimmen muss. Den Text der Schauspieler kennt sie sowieso auswendig, wie der zuständige Dramaturg, der die Vorstellung ebenfalls von hier oben aus beobachtet. Oft lachen beide oder nicken oder schütteln belustigt den Kopf, einmal sagt der Dramaturg: „Stimmt, da kann man ne Minute einsparen.“ Denn die Schauspieler verändern die Szenen im Vergleich zur Premiere. Das Stück gewinnt mit jeder Aufführung an Eigenleben, das auch vom Stellwerk aus nicht mehr beeinflusst werden kann. Es gehört jetzt denen auf der Bühne, die sich kleine Späße erlauben, Szenen kreativ straffen oder geschickt Probleme lösen. Letzteres wurde dringend nötig, denn in dieser Vorstellung war „inspiziententechnisch“ der Wurm drin, was den wenigsten Zuschauern aufgefallen sein dürfte… (demnächst).

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