Große Oper über die Ufer: Der Drache, die Riesin und das dicke dreizehnte Königskind

25. November 2008 von smoe

Wir sind reingelegt worden! Der Drachentalk vor gut einer Woche führte nämlich auf die ganz falsche Fährte. Ich hatte den Experten tatsächlich geglaubt, dass der letzte überlebende Drache mit Kandis zu fangen wäre. Aber in der Premiere von „Der Drache, die Riesin und das dicke dreizehnte Königskind“ entpuppte sich diese Anwendung als Flop. Stattdessen tut das Mädchen etwas völlig Unerwartetes, um das rote Ungetüm in einen (unwilligen) Menschen zurück zu verwandeln. Was, verrate ich hier wieder nicht. Dafür einige Eindrücke aus dem Theater…

Von hinten: Einen derart donnernden und anhaltenden Applaus mit Trampeln, Pfeifen, Jubeln hat es im Haus wohl sehr lange nicht gegeben. Der ausverkaufte Saal will die Schauspieler nicht gehen lassen. Sonja Abril Romero, Anke Stoppa, Sven Reese, Lukas Kubik, Detlef Vitzthum, Chris Lopatta, Martina Krompholz, Gösta Bornschein, Roland Klein verwandeln ihre (oft mehrere) Rollen sämtlich in liebenswerte Figuren, die, seien sie noch so märchenhaft, uns im Alltag über den Weg laufen könnten. Auch den Drachen und erst recht die Riesin, möchte man schnell zu Freunden haben. Ein wenig gehemmt wirken die meisten Darsteller allerdings noch…
Das mag an der Herausforderung durch das fantastische Bühnenbild liegen. Olga von Wahl hat aus riesigen beweglichen Bäumen, Drachenfelsen, Miniaturdorf mit fahrender Berggondel und einer bewaldeten Opera eine ländliche Gegend am Hang gebaut, über die man den Blick weit schweifen lassen kann und die einen mal auf eine Kuhweide, mal in düsteren Wald, mal auf den Felsen und mal in den Königshof zoomt. Fürs Publikum ist es aufregend: ständig verändert sich was, ständig gibt es was Neues zu entdecken, ständig ist man woanders. Hoffentlich lebt sich das Ensemble nach der Premiere in dieser beweglichen Landschaft schnell ein, dann werden die eineinhalb Stunden zur großen Oper.
Auch ohne Live-Musik. Erneut hat Michael Rodach komponiert (und die Lautstärkeregler in der Hand ;) . Er schickt den Saal mit solch präsenten Klängen in ein Wechselbad der Stimmungen, dass man das große Orchester vor sich im Graben sitzen meint. Zugleich ist man davon irritiert, dass die Geräusche oft von über den Köpfen der Zuschauer zu kommen scheinen. Die Musik tritt gleichsam über die Ufer und die Gewissheit, etwas Äußerem zuzuhören, zerfließt immer wieder: Wo entsteht noch mal Theater?
Ulrich Zaums frisch überarbeitete Version seines Stücks von 1993 ist vordergründig ein Märchenabenteuer mit allem was es für die Weihnachtszeit braucht: Gefühl, Gefahr, Gänsehaut und Glück. Doch das Personal bedient nur auf den ersten Blick die erwarteten Rollenbilder und die „Hauptgeschichte“ fächert sich in diverse Nebengeschichten auf, die oft so sehr ausgebreitet werden, dass das „eigentliche“ Märchen sich auf eine Folienfunktion zurückzieht. So wird das Ritterspektakel bei Hofe unter dem Zeremonienmeister zur komischen Theaterdekonstruktion, das Aufstellen des Ortsschildes für

Kleinmu(n)tersbach zur politischen Satire, die morgendliche Auseinandersetzung zwischen Drache und Riesin zum Ehekrach mit verkehrten Geschlechterstereotypen. Dabei könnten die faule Helga wie der rote Theofosos auch als einsame Kinder durchgehen, die man verstieß, weil sie als unglückliche Dreizehnte zur Welt kamen. Doch diese Rolle wird dem Bauern zugewiesen – von einem spindeldürren Mädchen, das anscheinend kein Zuhause hat, dafür ein Notizbuch…
Drache, Riesin, überzähliges Königskind: jeder könnte jeder sein und jeder ist sowieso sein eigener Zeremonienmeister in Zaums nach allen Seiten ausgreifenden Märchen, dessen Ende (eine beginnende Romanze zwischen Mädchen und Drachenprinz am Mittagstisch des Bauern) konstruiert wirkt; aber vielleicht ist das auch ironische Konsequenz.
Jürgen Zielinski inszeniert das abenteuerlich Ausufernde noch mal zusätzlich als große Oper für die Sinne. Die Szenen schwelgen geradezu in Bildern. Beim Anblick des nächtlichen Dörfchens unter grünen Sternen werden die Augen groß, der feuerspeiende Felsen reißt sie noch weiter auf, sie wandern mit den Bäumen mit und strahlen bei den Ritterspielen mit Rüstung, güldnem Prinzessinnenhaar und rosa Vorhang zurück. Wäre gerade hier nicht die maßlose Übertreibung, man würde sich vielleicht weihnachtsmärchensatt zurücklehnen. Aber die Kinder sitzen vorne auf den Stühlen, sie verstehen den Scherz mit der Inspizientin und amüsieren sich mit dem Zeremonienmeister am Mikrophon über die Selbstverlustierung des Theaters. Und dann rollen in diesem Zielinski-typischen Requisiten-Karusell Miniaturbauern und echte (ausgestopfte!) Wildschweine aus dem sächsischen Forst auf Schienen vorbei, was der „Oper“ weitere ironische Brüche zufügt.
Schade nur, dass mancher Szenenwechsel dennoch sehr kinder-theatralisch ausfällt, etwa wenn das Licht auf den Abgang jedes einzelnen Schauspielers, der auch noch irgendwie motiviert aussehen muss, wartet; oder wenn ein Abgang zum offensichtlichen Zweck des Kostümwechsels versteckt wird; oder wenn einer immer so lange hinter einem anderen herrufen muss, bevor auch er abgeht. Warum hier nicht klare Schnitte wagen? Nicht nur solche Abgänge dehnen das Stück unnötig, auch manche Wiederholungen in den eh schon ausgedehnten Szenen (Ritterspiele) oder nachträgliche Erklärungen (welcher Bauer die Riesin gepiekst hat) lassen den Spannungsbogen gelegentlich durchhängen.
Dass jedoch auch Zielinski die verschiedenen Seitenarme der Erzählung über die Ufer treten lässt, ist ein herrlich postdramatischer Kniff, den Kindern in schöner Verpackung auch mal etwas Unrundes, Ungeklärtes zuzumuten und sie mit Zusammenhängen von Stoffen und Ästhetiken zu konfrontieren. So wirkt die Inszenierung als ganze wie eine überbordend schöne Einführung ins Theater, die mit abenteuerlicher Ironie den distanzierenden Reflexionsmodus gleich mitliefert. Die vielen offen gebliebenen Fragen werden, später nach dem langen Applaus, auf die Zuschauer (und ihre Zubettbringer) zurückkommen…

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