Ist euch noch was heilig? Aufruf zum politischen Halloween
24. Oktober 2008 von smoeIm vergangenen Jahr war Halloween ja der Kracher für Kids und Schauspieler (siehe blog ganz weit unten). Zweifellos wird es auch nächste Woche wieder lustig drunter und drüber gehen im Theaterhaus. Obwohl auch ich meinen Spaß hatte, entscheide ich mich diesmal gegen die Gruselparty und für die Tradition(en). Anders als die Werbung weismacht, ist Halloween hierzulande doch gar nicht „traditionell“.
Zumal nicht im protestantischen Sachsen, wo allerdings heute nur noch die Reformationsbrötchen an den Lutherschen Befreiungsschlag am 31. Oktober erinnern. (Wäre uns noch was neben den Spareinlagen heilig, böte der etwas später eingeführte, „traditionelle“ Weltspartag (hihi) also schon Anlass zum Feiern.)
Auch in eher katholischen Gegenden hierzulande erinnert sich wohl keiner an Halloween, wohl aber an den Abend vor Allerheiligen, an dem die religiösen Leute ihrer Heiligen und Märtyrer gedenken, also deren vorbildliche Taten in widrigen Umständen.
Noch traditioneller ist der ziemlich weltliche Brauch armer Leibeigener in Irland, am Abend vor dem 1. November bei den Wohlhabenden bettelnd auf ihre äußerst widrige Situation aufmerksam zu machen, die nämlich, dass sie zum Wintereinbruch entlassen wurden. Um des Effekts willen schickten sie dazu gerne ihre gruselig ausgemergelten Kinder los – woraus wiederum die nervige Tradition „Süßes oder Saures“ entstand, die seit knapp 20 Jahren mit dem kommerzialisierten amerikanischen Reimport des irischen All Hallows Eve verquirlt wird.
Halloween ist nicht (mehr) traditionell, sondern eine modische Ablenkung. Ein zeitgemäßer Halloween-Kracher wäre, wenn man mit den Tradition(en) auf die widrigen Umstände armer Kinder am Anfang des 21. Jahrhunderts in Deutschland zeigte. Das hätte auch wieder politischen Gruselcharakter.
www.tdjw.de
Am 30. Oktober 2008 um 11:05 Uhr
liebe smoe,
ich gebe dir Recht, dass Kinderarmut ein Thema für das Theater der Jungen Welt sein sollte. Im Spielplan geht es zwar auch jetzt nicht nur um heitere, geschönte und klamaukige Seiten von Kindheit. Auch in unserem “Grusical” (für Ältere) nicht, das Gewalt gegen Kinder zum Ausgangspunkt hat – wenn auch Unterhaltung und Erschrecken in meinen Augen keine gelungene Balance finden (wie schon in deinem Beitrag vom 17.9. zu lesen). Seisdrum, o.k. Aber bedeutet deine Kritik, man solle keine Feste mehr gemeinsam feiern? Weil die Kommerzialisierung dieses Fest längst in ihren gruseligen Klauen habe? Da halte ich ein Theaterfest zum Thema, das niemanden ausschließt, viele interessiert und anzieht, und bei dem Kinder (auch gemeinsam mit ihren Eltern etc) sehr viel selbst machen können, für ein wichtiges Angebot. Auch wenn die inhaltliche Beschäftigung mit älteren Traditionen und Tod/Leben morgen Nachmittag wenig explizit stattfindet.
Aber mal ehrlich: Christliche Traditionen gehen zwar tatsächlich verloren, aber als gelernter Katholike kann ich dir sagen, es ist auch in Richtung Ewigkeit nicht alles Gold, was glänzt!
Und wie du selbst sagst, wurden die Kinder in der von dir angesprochenen Tradition der Landarbeiter auch – des Effektes willen gruselig ausgemergelt – von den Erwachsenen vorgeschickt, um nicht zu sagen, benutzt.
Ich kann nur alle einladen, sich selbst ein Bild zu machen, und ihre Meinung im Gästebuch oder bei unseren Mitarbeitern zu hinterlassen!
Am 13. November 2008 um 22:04 Uhr
lieber masch,
. aber gerade denen ist auch ziemlich klar, dass „richtung ewigkeit“ nicht alles glänzt. es ging mir nicht um eine apologie christlicher oder anderer traditionen, sondern um eine sensibilisierung für den merkwürdigen reflex, postmoderne happenings (au, jetzt krieg ich wieder schimpfe, ist aber gar nicht bös gemeint!) mit dem wörtchen „traditionell“ zu bewerben und damit der party eine vermeintliche bildungsnote zu verpassen: wir feiern, und das ist ein unheimlich wichtiges angebot, zumal auch noch geschichtsträchtig.
dachte mir schon, dass man mich für einen partymuffel und spielverderber hält. ein bisschen gelernte protestantin bin ich schon, und man weiß ja, dass die manchmal miesepetrig ticken (und gerne mahnen
gerade wegen eures spielplans, könntet ihr doch einfach mal sagen: wir machen jetzt bloß spaß – und das ist gut so.
es war ja wohl auch gut, wie ich höre. ich habe mir jedenfalls vorgenommen, zur drachennacht am freitag einfach so aus spaß zu kommen.