Von Eindruck und Ausdruck
8. Oktober 2008 von KritikerworkshopFür Anne Todt ist die Inszenierung „Ein Schuss für jeden“ ein Zuschauerratespiel
EINDRUCK:
Ich verließ das Stück etwas enttäuscht. Auf der Bühne lagen Tote, dann lebten sie wieder. Einer war im Gefängnis, am Ende stellt sich heraus, dass es dazu nicht wirklich einen Grund gab. Es gab Schüsse, aber nur mit Platzpatronen. In einem Satz: Für mich machte es zunächst keinen Sinn.
Doch dann saß ich vor einer Schale Milchkaffee, und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich! Die Gruppe hatte sich gegen Georg verschworen, weil er Bella verführt hatte. Sie hat sich von David getrennt, und die Gruppe verlor ihren Zusammenhalt. Deswegen wollten sie es ihm heimzahlen, bestückten den Revolver mit Platzpatronen und taten so, als wären sie alle tot.
Voilà, für mich die perfekte Lösung.
AUSDRUCK:
Aus Neugierde und Interesse hörte ich mir das Inszenierungsgespräch an. Und leider musste ich feststellen, dass meine perfekte Lösung völliger Quatsch war.
In Wirklichkeit war es so, dass die letzte Szene, die alles erklären sollte, gestrichen worden war. Hier wäre gezeigt worden, dass Bella die Gefahr erkannt hatte und noch ein letztes Mal ihre Reize einsetzte, um mit Jakob zu schlafen und so an den Revolver gelangen zu können. Sie tauschte also die Patronen gegen Platzpatronen aus, und als David auf sie schoss, konnte sie so tun, als sei sie getroffen, um ihn nicht zu verwirren.
Das verwirrte mich! Denn warum fielen die andern vier getroffen zu Boden und merkten nicht gleich, dass sie gar nicht tot waren? Und warum saß Georg dann im Gefängnis?
Fragen über Fragen. Und die Lösung?
Wäre der Eindruck des Zuschauers deckungsgleich mit dem Ausdruck des Autors oder des Regisseurs, würde Theater doch eigentlich niemanden mehr anregen, seinen Eindruck über den Ausdruck aufzuschreiben.
Anne Todt
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