Poseidon auf Wasser-Entzug
8. Oktober 2008 von KritikerworkshopÜber die Fernsehästhetik, die Längen und die Stärken von Klaus Schumachers „Odyssee“.
Auf einem Sandsteinbrocken vor gold-brauner Kulisse (Bühne: Katrin Plötzky) liegt, im Licht des Scheinwerferspots, der griechische Held: Odysseus (Hermann Book). Ihn lässt Regisseur Klaus Schumacher mit einem Monolog in Versmaß beginnen, seine uralte Geschichte zu erzählen: Ein „Spielball der launischen Götter, betrauert nur von Kalypso, Königin der Inseln Ogygia“, sei er.
Schön ist sie, diese Kalypso, verführerisch. Kein Mann hätte ihr auf Dauer widerstehen können. Doch Liebe empfindet er, Odysseus, nur zu seiner Frau Penelope. Lichtwechsel. Im mystischen Schein einer Kerze kreisen die Gedanken Penelopes um ihren seit nunmehr zwanzig Jahren verschwundenen Gatten und huschen Schatten in alle Richtungen.
Nochmals ein Lichtwechsel. In einer kühlen, schneeweißen Küche im Olymp isst Zeus genüsslich Salzstangen, während Athene (Julia Nachtmann) auf ihn einredet, er möge doch endlich Odysseus frei lassen. Hermes, der Bote und Zeus-Sohn bündelt für den unwissenden Vater die Ereignisse der Vergangenheit.
Er spricht in eine Kamera, man kann seine Botschaft auch an einem der drei Fernseher über der Bühne verfolgen. Eine Fernsehästhetik, die man ermüdend finden kann. Interessant wird dieses mediale Spiel jedoch in den Momenten, wo die Kamera in Detailaufnahmen, wie zum Beispiel, wenn Hermes’ Augen tränen, mehr sieht als der Zuschauer und die Zeit der filmischen Sequenzen einem anderen Rhythmus folgt.
Der erste Teil der Inszenierung ist jedoch, und darin liegt die Schwäche, ein Aufeinanderfolgen von bisweilen langatmigen Szenen, die in die mythische Geschichte einführen. Wie etwa der Auftritt des blinden Sängers, dem man aufgrund der Darstellungsweise nicht bis zum letzten Vers folgt und auch hätte kürzen können.
Die Stärken der Textbearbeitung der „Odyssee“ durch den niederländischen Autor Ad de Bont liegen in der Verknüpfung von poetischer und alltäglicher Sprache der Figuren und der aufs Heute zielenden Fokussierung des Stoffes für die Zuschauer. In diesem Sinne liegt der Schwerpunkt des Interesses auch in der Inszenierung auf den zwischenmenschlichen Beziehungen und dem sozialen Verhalten der Figuren. Deren Zweifel, Langeweile, Neid, Lüsternheit, Sehnsucht nach Liebe und Lust auf Rache stehen im Mittelpunkt eines Spiels, das sich der Übertreibung und Ironie bedient und vor allem im dritten Teil seine Kraft entfaltet.
Der auftretende Poseidon (Thomas Esser) ist an die Weite des Meeres so gewöhnt, dass seine schlurfend-ruppigen Bewegungen in der engen Edelküche seines Bruders Zeus einen starken Kontrast zu allen anderen Figuren bilden. Nicht nur der Entzug des ihn sonst umgebenden Wassers – er versucht seinen Körper durch einige Duschen feucht zu halten – hat sein Gemüt erregt, sondern auch der Machtkampf um Odysseus.
Mit illustrierenden Paprikabooten und Zwiebelsteinen erzählt der Bote in lebendigen Bildern, wie Odysseus mit List der Rache Poseidons entkam. In deutlicher Sprache und auf wesentliche Inhalte konzentriert kommt die vierstündige Odyssee in Fahrt und endet überraschend – Odysseus stellt fest: „es wurde genug gekämpft“ und verschont Antinoos.
Corinna Weber
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