Ringelrock auf blasser Haut
6. Oktober 2008 von KritikerworkshopEine Nicht-Show von Disko-Attitüden zog das niederländische Performance-Duo United Sorry beim Late-Night-Special zum Abschluss der Werkstatt-Tage ab.
Der Blümchenhemd-Träger haucht in sein Mikrofon: „Make us feel mighty real“. Sein bärtiges Gesicht schmückt ein breites Grinsen. Auf einem Barhocker sitzend liest er durch seine große, dunkle Sonnenbrille Liedtexte von Disco-Hits der 70er und 80er. Wort für Wort. Einer Hypnose gleich, redet er auf seinen Partner „Mister United“ ein. Beobachtet ihn bei der Improvisation mit seinem Körper.
Mister United ist Frans Poelstra. Zusammen mit Robert Steijn alias Deejey Sorry nennt er sich United Sorry. Beide Künstler kommen aus der Tanzszene. Steijn als Kritiker und Dramaturg. Poelstra als Tänzer. Er hat unter anderem mit Sasha Waltz und Tonja Livingstone zusammen gearbeitet.
Die Performance der beiden Niederländer ist eine skurrile Parodie auf die Klischees des Verhältnisses von Tänzer und Choreograph, Schauspieler und Regisseur. Sie dreht sich um die Erwartungshaltung des Publikums gegenüber dem Dargebotenen – der Kunst (?) – und bricht mit dieser Erwartung.
Statt Show und Spannung passiert bei diesem Late-Night-Special erstmal (fast) gar nichts. Da steht Poelstra mit hängenden Schultern und leicht im Hohlkreuz, und weiß die hohlen Texte der Hits nicht auszufüllen, kann sie deshalb nur mit verlegener Mimik kommentieren. Obwohl: In gewisser Weise wird die Spannung eben dadurch erzeugt, dass Poelstra die Zuschauer warten lässt. Die Nicht-Aktion wird zum Prinzip erklärt. Irgendwann ist aber auch das nicht mehr spannend.
Eigenen Aussagen zufolge will das Duo in „I am … in Concert – a solo for a club“ das Showbize auf die Schippe nehmen, indem Frans Poelstra zurück zu den Wurzeln seiner Tanzkarriere geht: der 80er-Jahre-Disco. Selbst in dieser Beschreibung liest man das ironische Augenzwinkern mit. Doch hinter all der Ironie steckt auch Ernst: der selbstkritische Blick auf die eigene, künstlerische Identität und ihr Schaffen.
Poelstra und Steijn zeigen beispielsweise das Klischee des Tänzers, der seinen Körper ausstellt und unter der Knute des Regisseurs steht. Frans Poelstra verrenkt sich gekonnt und gewollt nicht-tänzerisch. Versucht, dem diktierten Text gerecht zu werden sowie Deejay Sorry zu folgen. Bis auf einen schwarz-weißen Ringelrock unbekleidet, tingelt und stolpert er auf der Bühne herum. Er ist „The Woman“.
Durch diese Verkleidung allein schon ist der Anblick des blassen Ex-Tänzer-Körpers komisch. Die betont unbeholfenen Bewegungen und die tiefernste Mimik Poelstras tun ihr übriges. Zu „He is a lady’s man“ zieht er stückweise sein Röckchen höher. Und dabei ganz un-verschämt über die Gürtellinie. Eine überspitzte Darstellung des Tänzers, der sein Material – den Körper – ausstellt, dem Choreographen zur Verfügung stellt.
Deejay Sorry gibt seinem Tänzer vom Rand aus Anweisungen: „Ein bisschen mehr politisch! Ein bisschen weniger Tanz, das ist Theater!“ oder: „Das ist zu konzeptionell.“ Und auch in der späteren Sequenz, in der United Sorry vorgeben, einen „Einblick“ in ihre Arbeit zu geben, heißt es: „Wir streben Tanz an, der seriös mit Text umgeht, denn das fehlt.“
Die zum großen Teil improvisierte Performance baut wesentlich auf die Publikumsreaktion. Sie wird immer dann zäh, wenn sich die Darsteller zu lang auf sich selbst konzentrieren. Eine bewusst hergestellte Proben-Atmosphäre. Das Konzept ist offenbar: Eigenartigkeit und das Nicht-Erfüllen von Erwartungen.
Bei so viel Abwesenheit von tänzerischer Aktion hat man allerdings das dringende Bedürfnis, selbst die Hüften zu schwingen.
Sabine Sembdner
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