Meer Heimat

6. Oktober 2008 von Kritikerworkshop

Enrico Beeler schickt in in „Hinter dem Bahnhof liegt das Meer“ zwei Outsider auf die Suche nach ein bisschen Glück.

„Auch auf den Händen laufen?“, fragt Kosmos herausfordernd das bisher verschreckte Häufchen Neuner. Dieser schwingt sich kurzzeitig zu Selbstbewusstsein auf, schlingt seine Finger um die Sohle seiner Schuhe und eiert gebückt über die Bühne – um ans Meer zu gelangen, würde der kleine Neuner alles tun. Beeindruckt von dieser Willensstärke, fordert Kosmos ihn zu einem Hände-unter-den-Schuhsohlen-Wettrennen heraus. Untermalt vom Spiel des Mundharmonikajohnnys.
Die Inszenierung „Hinter dem Bahnhof liegt das Meer“ von Enrico Beeler, nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Jutta Richter, malt anmutige Bilder zweier heimatloser Jungs auf dem Weg zum Meer. Eine Inszenierung für Menschen ab neun Jahre der jetzt&co. Theaterproduktion Zürich in Koproduktion mit dem Theater Tuchlaube Aarau und dem GZ Buchegg.
Das Bühnenbild besteht aus mehreren miteinander verbundenen, von hinten erleuchteten Wänden. Diese werden vom Ensemble kraftvoll beklettert und bestiegen. Davor steht ein weißes, gußeisernes Bett mit gelbem Bettzeug. In der Mitte Autoreifen, Einkaufstaschen aus Papier sowie ein weiß-orangenes Warnhütchen.
Neuner hat gesehen, wie seine Mutter von ihrem neuen Freund misshandelt wurde. Jetzt bleibt das Fenster seines Hauses zu. Seine Mutter kann es nicht mehr für ihn öffnen. Weil ihr Freund das nicht will. Er hat jetzt kein Zuhause mehr und will ans Meer flüchten. Doch alleine schafft er das nicht. Da trifft er Kosmos, der Stiefel trägt, sich den Rotz mit der Hand abwischt und ein Warnhütchen als Megaphon zum Beatboxen benutzt.
Kosmos trainiert mit Neuner seinen Überlebenstrick: hungrig schauen. Das amüsiert nicht nur die vereinzelten Kinder, sondern auch die älteren Zuschauer. Das erbettelte Essen genießen die zwei in vollen Zügen. Jeder kriegt vom Kellner eine Serviette in den Kragen gesteckt, dann thronen sie auf einer der Wände des Bühnenbildes. Ein weißes Tischtuch und eine Kerze kreiiert das Restaurant-Ambiente. Das Essen entpuppt sich als Tablett mit zwei Mundharmonikas. Die zwei fangen genüsslich an, musikalische Essgeräusche zu produzieren.
Die Mundharmonikas sind die heimlichen Helden dieser Inszenierung, ihnen entlocken die beiden schrottige und zugleich sanfte Klänge. Straßenmusik-Sound auf hohem Niveau.
Aber nur mit einem prall gefüllten Bauch kommt man nicht ans Meer, für eine weite Reise benötigen die beiden Geld, richtig viel Geld. Deswegen muss Neuner sein wertvollstes Gut verkaufen – seinen Schutzengel. Doch was passiert, wenn man keinen Schutzengel mehr hat, diesen verliert oder gar verkauft? Selbstzweifel befallen Neuner…
Viele Details und heitere Kleinigkeiten machen die Inszenierung kurzweilig und spannend.
Souverän springen die Figuren zwischen Erzählpassagen und Dialogen hin und her. Auch die Rollenwechsel der Randfiguren und das Umsteigen aus der gespielten Rolle in eine Erzählperson gelingen dem ganzen Ensemble ausgezeichnet und überzeugend.
Und wie Fabian Müller den Neuner spielt – herzergreifend! Man möchte ihm am liebsten seinen verkauften Schutzengel zurückerobern. Aber warum bloß trägt er ein rotes Polska T-Shirt? Als Kosmos gewinnt Philippe Graff die Gunst der Zuschauer. Harte Schale und weicher Kern.
„Eyyy Alter, komm da sofort runter“, schreit er besorgt zu Neuner hinauf, als dieser wackelig auf der Wand des Bühnenbildes balanciert. Neuner fällt. Kosmos fängt ihn auf. Vielleicht hat er ja schon längst einen (neuen) Schutzengel gefunden.

Kerstin Schmitt

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