„Ich bin kein Fernseher!“
6. Oktober 2008 von KritikerworkshopHolger Schobers „Hikikomori“ bricht in der Inszenierung von Dominik Günther als Stubenhocker auf Speed nach vorne durch.
Was einem bereits beim Einlass im Foyer entgegendröhnt, hört sich an wie J-Rock, Japanese Rock-Music. Japanisch ist auch der Titel des Stücks von Holger Schober: „Hikikomori“. Da verweigern junge Männer in Japan allen Kontakt zur Gesellschaft. Sie schotten sich in ihren Zimmern nach außen ab. Mit Videospielen und Online-Chats vereinsamen sie in virtuellen Welten.
Auf der Bühne tobt derweil jedoch kein Japaner, sondern Ole Lagerpusch als verlottert schwitziger Außenseiter, um sich und den Zuschauer auf die folgenden 75 Minuten von Dominik Günthers Inszenierung einzustimmen, die am 6.5.2007 im Thalia Theater in Hamburg Premiere hatte. Auf wenigen Quadratmetern Aktionsraum dreht er vorab schon mal so richtig auf und macht mit feucht-furiosem Körpereinsatz aus allen Drüsen klar, dass man es hier nicht mit einem gemütlichen Einmann-Kammerspiel zum Ein-, Mit- und Wohlfühlen zu tun hat.
Spastisch wirft er sich gegen die Rückwand der halbrunden Spielfläche, auf der Chat-Texte kaum lesbar nach oben rasen. Alles geht ziemlich schnell. Auf der Wand daneben flimmert es in lila-grünen Pixeln. Die Augen schmerzen, wenn man den ganzen Tag vor dem Monitor hängt. Der Zuschauer spürt das schon nach wenigen Minuten, kann sich dem unangenehmen Reiz jedoch nicht so leicht entziehen. Dazu nebelt ihm noch der Gestank von billigem Raumspray entgegen, mit dem der Abgekapselte den Geruch seines verschwitzen Körpers bekämpft. Waschen muss er sich schließlich nicht.
Hier tobt ein Stubenhocker auf Speed. Grelle Reizüberladung statt stiller Depression. Lagerpusch geht sprachlich gekonnt vor: In rasantem Tempo röchelt und sabbert er über den Text, der Einblick in seine innere Fantasiewelt bietet. Technisch virtuos und mit großer Ausdauer bringt er ein Fremd-Körpergefühl zum Ausdruck. Er geilt sich an rothaarigen Mädchen auf und hämmert wie besessen Texte im Chat-Slang in die herumliegenden Tastaturen.
Dabei kauert er auf zwei versifften Matratzen, lässt eine Fontäne aus rotem Gesöff auf sich strahlen und besudelt sich mit Apfelkompott. Zeit, das T-Shirt zu wechseln. Darauf stehen Sprüche wie: „Keine Gewalt gegen Kinder“. Damit steht er vor der flimmernden Pixelwand, die er zunächst zärtlich streichelt und spielt dabei seine Mutter, die ihrem Sohn gut zuredet. Dazwischen sollen Videospiel-Sequenzen mit Zombie-Gemetzel im Schlachthaus und japanischen Animes von seiner inneren Realität zeugen.
Draußen quietscht die Leipziger Straßenbahn den Lindenauer Markt entlang, Lagerpusch springt plötzlich aus der Rolle. Keinen Bock mehr! Er verweigert sich und spricht zum verwirrten Publikum, ganz direkt. Das steht so jetzt nicht im Stück: „Ich bin kein Fernseher!“ Schauspieler oder Figur, wer von beiden bricht hier durch die vierte Wand?
Nach diesem Ausbruch fällt er zurück in seine Kapsel-Realität. Als er sich schließlich am Ende auf den drohenden Besuch seiner Chat-Bekanntschaft Rosebud vorbereiten muss, hebt er den Gitterrost im Boden ab und stößt alles, was stört, ins Loch. Auf dem Boden im Zuschauerraum türmen sich Matratzen und Apfelmuskartons zum Kunsthaufen. Er wagt den Schritt nach draußen, jedoch nicht durch die Tür. Durch eine Styroporplatte bricht er durch. Und landet hinter der Pixelwand. Sie hat aufgehört zu flimmern. Von hinten schmiert er in Rot die Konturen seiner Mädchenfantasie an die Scheibe und breitet seine Arme wie Flügel aus. Er drückt die Nase gegen die Scheibe und leiht dem Bild sein eigenes Gesicht.
Normen Alt
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