Kampf ums Geschlecht
4. Oktober 2008 von KritikerworkshopWie eine sexuelle Identitätskrise in Esther Hattenbachs „Boys don’t cry“ auf den „Highway to hell“ führt.
„I’m on the highway to hell“, schallt es als Live-Musik durch den Saal. Brandon und Lana knutschen. Leslie zappelt zur Musik. Lanas Mom trinkt Dosenbier. Happy Birthday, Brandon! Denn das ist der letzte, den du feiern wirst, du befindest dich direkt auf dem „Highway to hell“.
„Boys don’t cry“ hatte am 27. Februar 2008 im Berliner Theater an der Parkaue Premiere. Die Geschichte um Teena Brandon (überzeugend burschikos: Katrin Heinrich) basiert auf dem gleichnamigen Film von Kimberly Peirce. Hermaphrodit? Transvestit? Gefangen im falschen Körper? So genau erfährt man das Schicksal des Mädchens nicht. Was man erfährt ist, dass Teena sich Brandon nennt und versucht ein Junge zu sein. Das gelingt ihr auch ganz gut. Der Sport-BH fliegt in die Ecke, Socken werden in die Unterhose gestopft, Haare kurz getragen. Der Gang ist breitbeinig und lässig – echt männlich. Brandon-Teena schleppt reihenweise Mädchen ab. Und wäre da nicht ihre Mutter, würde ihre Maskerade auch niemandem auffallen.
Esther Hattenbach will es mit ihrer Inszenierung allerdings nicht gelingen, Spannung oder Figurenentwicklung zu kreieren. Zu Beginn des Stückes weiß der Zuschauer schon, wie es enden wird: Eine Projektion klärt über Teenas Ermordung auf. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Zwei Stunden und zehn Minuten, in denen dem Zuschauer allerlei Fakten und Bilder um die Ohren geworfen werden, ohne wirklich Spannung aufzubauen. Obwohl der Text genügend Gelegenheit dazu bieten würde.
Da wäre beispielsweise die Nacht, wenn Teena ihre Tage bekommt. Alle sind da, jeden Moment könnte jemand aufwachen. Ihre Identität entdecken. Aber niemand tut´s. Obwohl: John schlägt die Augen auf, schaut Brandon direkt an. Doch selbst diese eigentlich brenzlige Situation wabert einfach so über die Bühne. Ein nichtsagender Blick, die Szene ist beendet. Nicht einmal der Hauch einer Gänsehaut ist zu spüren.
Und so plätschern die Ereignisse vor sich hin. Der Zuschauer bekommt einen Einblick in eine asoziale amerikanische Kleinstadtclique, die reihenweise Klischees bedient. Die dauerbesoffene Mutter. Die zwei Knastbrüder Tom und John. Die starke Tochter Lana. Dies sind auch die Rollen, in denen die Schauspieler am ehesten überzeugen können. Aggression und Alkohol machen sie glaubwürdiger als überzogenes Gekreische und Tussengehabe.
Lichtblicke bieten die heiklen Szenen. Brutales Gemetzel und Blutvergießen bleibt zum Glück dem Hollywood-Vorbild vorbehalten. Hier hingegen ist die Vergewaltigung Teenas in fast kompletter Dunkelheit inszeniert, man kann nur erahnen, was gerade vor sich geht. Auch vor der Justiz bleibt diese Tat im Dunkeln. Der eigentliche Mordvorgang wird durch Lana beschrieben, ihr Strafmaß tragen Tom und John selbst vor.
Aber wirklich unter die Haut geht nur die Figur der Leslie. Sonja Jehle spielt sie auf eine so wundervoll trotzige Art, dass man sie einfach gern haben muss. In grotesk-nuttigen Klamotten und auf zu großen Schuhen wackelt sie über die Bühne. Schleppt Autoreifen, schielt ins Mikro. Immer im Schatten der großen, begehrten Lana. Eifersucht, Alkohol und der Wunsch nach Zuneigung bringen sie soweit, dass sie schlussendlich mit dem Arschloch John mitgeht.
Und am Ende stellt sie die zentrale Frage. Denn als Leslie „Was isn der Unterschied?“ ins Mikrofon schnoddert, fragt sich auch Lana, ob sie eigentlich jemals wusste, was der Unterschied zwischen Männerküssen und Frauenküssen ist. Und das wirkt wie die Antwort, nach der Brandon, ihre Mutter und alle Verflossenen zwei Stunden und zehn Minuten lang gesucht haben.
Anne Todt
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