„Es riecht nach Krokodil”

4. Oktober 2008 von Kritikerworkshop

In „Das unkommunikative Krokodil“, inszeniert von Jürgen Zielinski, stachelt ein triebgesteuertes Reptil gegen alle Vernunft eine sinnliche Revolution an.

Im kleinen Saal des Theaters der jungen Welt stehen heute Abend für die Zuschauer Bierbänke unter bayrisch karierten Tischdecken bereit. Auf der Bühne zwei schwarze Mülltonnen, vier Schauspieler in weißen Arztkitteln. Ein ernster Blick, und sie spucken sich ausgiebig das „toi, toi, toi“ über die Schultern. „So, Achtung!“
Im Königreich Lacoste ist alles verkopft. Die Ratio regiert. Argumentativer Diskurs ist gesetzlich verordnet. Denn in diesem Land sitzt ein Philosoph auf dem Königsthron, der alle Irrtümer der vorherigen Denkerköpfe durchschaut und „die Vernunft – unbezweifelt richtig – als rationalen Diskurs“ auffasst. So beginnt der in der Inszenierung leicht gekürzte Text von Martin Barthels „Das unkommunikative Krokodil, eine konkrete Utopie“ (für Jürgen Habermas zum 70. Geburtstag), den Jürgen Zielinski vom TdjW in Szene setzte.
Sinnlichkeit und spontaner Gefühlsausdruck sind in diesem Land also verpönt. Doch es gibt da dieses Krokodil, dem Diskutieren keinen Spaß macht und nur an orale Triebbefriedigung auf ist. Da hilft auch keine Pyschoanalyse – für das Krokodil bleibt „Reden Silber, Fressen Gold!“ Und die Prinzessin, von der Diskursgemeinschaft unbefriedigt, will viel lieber Objekt als Subjekt sein und fühlt sich mit dem triebhaften Krokodil tief verbunden, sehnt sich nach körperlicher Vereinigung.
Sinnlich wird es auch für das Publikum: Wenn der Kasperl sagt: „Es riecht nach Krokodil“, bekommt das Publikum Raumspray in die Nase; wenn die Prinzessin und das Krokodil ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Bonbonlutschen nachgehen, gibt’s Bonbons zum Mitlutschen; und wenn der geheime Rat tagt, dürfen die Saalgäste seine Argumente im Sprechchor vortragen.
Violetta Czcok, Matthias Klaußner und Willfried Reach veranstalten großes Kasperletheater, mit Puppen und Menschen im Wechsel. Matthias Kuhn verteilt die Rollen und kriegt sich mit den Puppenspielern als besserwisserischer Souffleur in der Wolle. Die Prinzessinnenpuppe ist gleichzeitig ein Kopfschmuck. Der Kasperl sächselt. Bei der Gretel trennt sich öfter mal der vernünftige Kopf vom wollüstigen Leibe. Der König ist eine Handpuppe mit übergroßem Klunker am Finger. Die Mülltonnen werden multifunktional eingesetzt, sind Königsthron, Therapeutencouch, und Requisitenlager zu gleich. Der aussagekräftige, ironische Text voll interessanter politischer und philosophischer Anspielungen wird hier facettenreich, lustig und vor allem eben sinnlich umgesetzt.
Volksheld Kasperl, der eigentlich das Krokodil aus der Vernunftswelt schaffen soll, desertiert – endlich „ein Leben ohne Dauerdialog!“ Der König weiß: „Die Diskursgemeinschaft bröckelt“. Er muss importieren: den Teufel höchst persönlich. Eigentlich stecken die beiden ohnehin schon lange unter einer Decke, im wahrsten Sinne des Wortes. Wie Faust und Mephisto schließen sie einen Pakt, das Krokodil soll in die Hölle. Sie ziehen eine Line, der Rest vom weißen Pulver wird ins Publikum geblasen.
Jedoch kommt wieder alles anders: Der Teufel wird vom sexuell befreiten Kasperl aus der Hölle abgeworben. Die Arbeit im Familienbetrieb macht ihm schon lange keinen Spaß mehr, denn die „Humanisierung der Arbeitswelt“ lässt einfach keinen Platz für autonomes Foltern mehr, alles muss schriftlich beantragt und genehmigt werden.
Zum Abschluss laden der Teufel im rosa Ganzkörper-Paillettenanzug, der Kasperl im Sadomaso-Netzoberteil und der König mit der Prinzessinenpuppe auf dem Kopf das Publikum im Chor auf ihre selige Insel ein. Ins „Land, wo Gefühle blüh’n, im dunklen Laub die roten Wangen glüh’n“. Warum nicht?

Meilie Hanke

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