Back dir deine Kekse doch selbst, Adam!

4. Oktober 2008 von Kritikerworkshop

Das Junge Ensemble Stuttgart erprobt in „Lilith. Paradise Loft“ mit dem Mythos von Adams erster Frau heutige Geschlechterbilder.

Im überfüllten Saal der Etage Eins wollen Lilith und Adam sich über den jeweils anderen bei Samael, ihrem Schöpfer und Vermieter, beklagen. Sie fallen sich permanent ins Wort, sodass Samael zu einem raffinierten Trick greifen muss, um überhaupt etwas zu verstehen: Er friert beide ein und kann nun selbst entscheiden, wer wann, dank eines Schnipsers, auftaut und ihm die Paarprobleme erklärt.

Schnell und präzise erstarren die Gesichtszüge, die Darsteller verharren mit aufgerissenen Augen und offenstehendem Mund – beachtliche Konzentration in diesen Freeze-Momenten. Die Fortpflanzung zwischen Lilith und Adam ist gescheitert. Vergnüglich ist es zu hören, woran das wohl gelegen haben mag: Da aus der Anleitungsskizze zur Fortpflanzung nicht hervorgeht, ob nun der Mann oder die Frau oben liegt und Liliths Flügel die Sache zusätzlich erschweren, geraten beide in Streit darüber. Dabei hatte sich Samael die Vermehrung der Menschen so einfach vorgestellt. Passen Adam und Lilith nicht „wie Ying und Yang, Schraube und Mutter“ zusammen?

Das von Frank Hörner, Christian Schönfelder und dem Jungen Ensemble Stuttgart entwickelte Stück „Lilith. Paradise Loft“ verknüpft die biblische Schöpfungsgeschichte mit dem Lilith-Mythos, nach dem nicht Eva, sondern Lilith die erste Frau Adams war. Die Bühnenkonstruktion eines in sich geschlossenen Lofts, in dem auch die Zuschauer Platz nehmen, war leider zu groß für den Theatersaal in Leipzig. Deshalb wurde auf den Werkstatt-Tagen nur ein Ausschnitt aus der Mitte des Stückes im Rahmen einer 25-minütigen szenischen Lesung vorgestellt.

Entworfen werden mit den Figuren Lilith und Eva, sowie Adam und Samael unterschiedliche Frauen- und Männerbilder. Mitunter sind diese sehr klischeehaft angelegt und offenkundig Teil einer Komödie. Diese funktioniert zwar in ihrer Unterhaltsamkeit, lässt aber einen tiefgehenderen Umgang mit der Thematik vermissen. Adam ist ein besessener Heimwerker, sucht in allen Dingen nach einem Nutzen und trinkt sein Bier gern auf dem heimischen Sofa. Lilith hingegen erfindet für sich Prosecco, möchte die Welt sehen und will ihre Möbelvorstellungen im neu bezogenen Loft durchsetzen.

Mann und Frau passen in diesem Stück zwar anatomisch gesehen, aber sonst in keiner Weise zusammen. Adam braucht also eine neue Frau. Eva ist dank ihrer mitgelieferten Fernbedienung für ihn leicht zu steuern. Der Erotikmodus überfordert ihn jedoch, die Technik gerät außer Kontrolle, und Eva schaltet plötzlich in den Selbstlernmodus.

Die Szenen entwickeln einen Drive, der sich vor allem aus dem Spiel mit den Vorurteilen gegenüber dem anderen Geschlecht speist. Die Komik des Textes wird durch die szenische Lesung noch gesteigert. Zum Beispiel wenn das von Samael erfundenen Produkt „Eva“ angepriesen wird: „Eva. 120 Modi, wartungsfrei und selbstreinigend, Hubraum 90-60-90, 100 Prozent biologisch abbaubar. Und die Kaffeemaschine gibt’s gratis dazu!“ (An dieser Stelle lachen die Männer im Publikum übrigens am lautesten.)

Lilith hingegen ist ein ganz anderes Model. Als Feministin fordert sie Eva dazu auf, sich endlich zu fragen, was sie will, und Adam zu sagen: „Ich bin eine selbstständige Frau. Ich will, dass du Kaffee für mich kochst. Und Kekse backst.“ Die mythischen Ursprünge der Figur Lilith spielen im Stück allerdings kaum eine Rolle. So erfährt man nur aus dem Flyer zum Stück, dass Lilith, dem Mythos nach, aus der gleichen Erde wie Adam geschaffen wurde und ihm deshalb gleichberechtigt gegenübersteht. Am Ende lässt sich Lilith wohl von Samael die Kekse backen. Zumindest zieht sie mit ihm im Loft ein, nachdem Adam und Eva der Mietvertrag gekündigt wurde.

Corinna Weber

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