Elvis rockt den Boxring
3. Oktober 2008 von KritikerworkshopJürgen Zielinski inszeniert in „Albert und der Sumo-Engel“ einen Superhelden mit Speckrollen.
Da steht er. Der „Sumo-Engel“ mit vielen Speckrollen, pinken Mini-Flügeln, in einem Elviskostüm. Er trägt eine Sonnenbrille mit angeklebten Kotletten und schmettert dazu „Love me Tender“. Dieser so gar nicht typische Engel passt auf Albert auf, ist jedoch gerade dann nicht da, wenn dieser ihn besonders nötig hat. Albert ist dick, 9 Jahre alt, stammt aus Kasachstan. Und manchmal, wenn er wütend ist, verkrampft sich seine Hand, er beginnt zu schniefen – und dann schlägt er zu.
In der Inszenierung „Albert und der Sumo-Engel“ von Jürgen Zielinski wird des Öfteren zugeschlagen. Albert droht ein Schulverweis, nachdem er seine Freundin Selina ins Gesicht geboxt hat. Seine Mutter, welche in gebrochenem Deutsch auf ihn einredet, schimpft ihren Sohn einen Lügner, weil dieser sein Fehlverhalten auf andere Kinder zu schieben versucht. Sie schickt ihn weg, zum Vater: „Dein Vater ist Schläger, du bist Schläger. Geh zu ihm.“ Der Vater ist groß und ein ziemlich ungemütlicher Typ. Bei ihm lernt Albert an einem herunterhängenden Boxsack boxen und flüchtet sich weiterhin in seine Fantasiegeschichten über einen Jungen mit Superfaust.
Einerseits würde Albert gern lieb sein, aber immer wieder hindert ihn etwas daran. Vor allem wenn er vor lauter Panik „Gut-Albert“ sieht und merkt, dass sich seine Mutter doch eigentlich so einen Sohn wünscht. Gut-Albert wankt mit einem riesigen Pappmaschékopf, der ein breites Grinsen auf den Lippen hat, durch Alberts Alpträume. Doch diesmal erscheint der Sumo-Engel und hilft ihm, gegen Gut-Albert zu kämpfen. Albert und der Engel schließen Freundschaft. So lernt Albert zwar nicht, mit seinem Problem umzugehen, hat aber seinen Superhelden gefunden, dem er sich anvertrauen kann.
Die Bühne zum Stück, das am 1. Juni 2006 seine Uraufführung im Theater der Jungen Welt Leipzig hatte, ist in eine Boxarena verwandelt. Die Zuschauer sitzen sich auf zwei Seiten gegenüber, in der Mitte befindet sich ein rundes Podest, das von einem durchsichtig-dünnen, Stoff umhüllt ist. Oft ist Albert darin gefangen wie in einem Käfig. Pascal, ein Mitschüler, schleicht um ihn herum und stachelt ihn an. Währenddessen: „Eye of the Tiger“. Am Anfang erscheinen alle Schauspieler mit einem Kopfschutz, wie er beim Boxen üblich ist. Sie verteilen sich in die vier Ecken, nehmen dort ihren Platz ein und warten auf ihren Einsatz.
Die Darsteller agieren in ihren Rollen der neunjährigen Kinder übertrieben, während man ihnen die Erwachsenenrollen abnimmt. Nur Martin Klemm gelingt es, seinem Albert eine junge Frische zu verleihen, die nicht aufgesetzt scheint. Der Vater von Albert (Georgios Tzitzikos) schafft es durch seinen bösen Blick, sich Respekt zu verschaffen, und die Mutter (Elisabeth Fues) stöckelt hektisch herum, um ihren Sohn auf die richtige Bahn zu lenken.
Der Text von Ulrich Zaum wirkt eher unspektakulär, bis der Sumo-Engel auftaucht und mit seiner leichten, unkomplizierten Art und dem berlinerischen Dialekt das ganze Stück aufheitert. Chris Lopetta bewegt sich dabei mal schwerfällig wie ein Sumo-Ringer, mal leichtfüßig wie ein Engel in Ballettschuhen durch die Arena. Wenn er und Martin Klemm zusammen agieren, lebt die ganze Inszenierung auf – zu schade, dass es davon nur zwei Szenen gibt.
Ob Albert es schafft, sich mit seiner Freundin zu vertragen, bleibt am Ende offen. Ebenso wie es mit seiner Mutter weitergeht und ob er seine Aggressionen in den Griff bekommt. Man leidet mit Albert mit und hofft, dass er seinen Weg gehen wird – mit oder ohne Engel.
Sandra Mühlbach
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