Ein Herz für Kiesel

2. Oktober 2008 von Kritikerworkshop

Rinus Knobel schickt in „Einmal um die Welt. Oder: Kiesels Reise“ zwei Freunde auf eine wundersame Wanderung.

„Der Große“ kommt hinter der Leinwand hervor. Mit jedem Stein, den er aus seiner trichterförmigen Umhängetasche holt, lässt er eine Silbe fallen. Als er wieder hinter der Wand verschwunden ist, erscheint „die Kleine“, sammelt die Steine wieder ein und sagt zu jedem die Silben des Großen rückwärts auf. Dann lässt sie eine kleine Papierknäuel-Nachricht mit dem Wort „Kuckuck“ auf der Bühne liegen. Der Große findet sie und antwortet, indem er ihr ein Stück Brot hineinlegt. Sie beißt genüsslich hinein – da steht der Große, der sich leise angeschlichen hat, plötzlich neben ihr. Sie beschließen kurzerhand, Bruder und Schwester zu sein und sich auf die Suche nach einem Ort ganz für sie allein zu machen.

So beginnt Rinus Knobels Inszenierung „Einmal um die ganze Welt. Oder: Kiesels Reise“ des deutsch-niederländischen Theaters mini-art mit Sitz in Bedburg-Hau. Die Textvorlage stammt von Philippe Dorin, ein märchenhaftes Stück für Kinder ab dem Vorschulalter. mini-art wurde 1993 gegründet und spielt oftmals zweisprachig, nicht nur in Deutschland. Auf der Leinwand in der Mitte der Bühne werden, während die Freunde auf Wanderschaft gehen, Bilder von Landschaften, Schienen und Steinen projiziert. Ansonsten ist das Bühnenbild schlicht. Es gibt ein paar Steine und eine elektrische Eisenbahn, welche um die Leinwand fährt. Kaum merklich stehen links ein beleuchteter Globus und rechts ein kleines Spielhaus, in dem Licht brennt.
Die Darsteller sind im Gesicht und an den Händen weiß geschminkt, die Augen und Lippen hervorgehoben. Fast clownesk wirken sie mit dieser Maske, weit aufgerissenen Augen, offenen Mündern und stark ausgeprägter Gestik. Dazu schlichte Kostüme in schwarz-weiß.
Der Beginn des Stücks ist auch der Anfang der besonderen Freundschaft des Großen und der Kleinen, die sich selbst Kiesel nennt. Auf ihrer Reise an einen Ort, an dem sie ihre Schuhe ausziehen und die Füße auf einen kleinen Teppich legen können, treffen sie einen Kieselstein. Im Text ist dieser zunächst nur ein Anhängsel, das den beiden beharrlich folgt. Auf der Bühne zieht die Kleine ihn an einem Seil hinter sich her. Der Große wird eifersüchtig, will den Stein nicht dabei haben und lässt ihn von der Kleinen nach Hause schicken. Der Stein fährt mit der Eisenbahn davon. Die Kleine ist darüber traurig, weil sie den Stein vermisst – ein rührender Moment: die Kleine trottet mit hängenden Schultern und traurigen Augen hinter dem Großen her.
In dieser Inszenierung gibt es jedoch nicht nur bewegende, freudige Szenen wie das Wiedersehen mit dem Kieselstein. Spielerisch werden auch Themen wie der Tod berührt. Auf den projizierten Sternenhimmel zeigend, überlegen die Freunde, was dort oben wohl für ein Ort ist. Der Große meint: ein Ort, wo keiner so schnell hinwill und von wo man nicht zurückkommt. Crischa Ohler und Sjef van der Linden überzeugen in den Rollen der Kleinen, die neugierig viele Fragen stellt und dem Großen, der ihr gerne geduldig alle Fragen beantwortet. Mit ihrer langen Reise erleben die beide eine verworrene, bildreiche Geschichte. Wundersame Dinge widerfahren ihnen und am Ende steht die Gewissheit, dass der Große und die Kleine zusammenbleiben und keiner von beiden allein bleiben wird.

Nadja Mönch

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