Götter am Küchentisch
1. Oktober 2008 von KritikerworkshopRegisseur Klaus Schumacher holt in seiner „Odyssee“ die antiken Götter an den Küchentisch.
Gemütlich kramt Göttervater Zeus im prall gefüllten Einkaufsbeutel, wiegt in Vorfreude die Maggisauce in der Hand und beginnt, den leeren Familienkühlschrank wieder aufzufüllen. Salzstangen knabbernd lauscht er der Gardinenpredigt seiner Lieblingstochter Athene, die für den seit zwanzig Jahren auf dem Meer umherirrenden Odysseus die Heimkehr zu Frau und Sohn erbittet. Hermes fläzt sich derweil, cool und lässig mit Sonnenbrille aus den 70ern, auf dem Ikeastuhl.
Regisseur Klaus Schumacher holt in seiner Inszenierung der „Odyssee“ nach Ad de Bont, die am 25. Februar 2007 am Jungen Schauspielhaus in Hamburg ihre Premiere feierte, die antike Götterfamilie vom Olymp an den Küchentisch. Zwischenmenlischen Problemen können sie hier genauso wenig aus dem Weg gehen, wie Odysseus und die Seinen – Götter sind eben auch nur Menschen.
Mit einer Teilung der Bühne in göttliche Küche und irdische Felslandschaft werden beide Welten nebeneinander gestellt. Während die menschlichen Protagonisten in gewagtes „Neo-Antik“ gekleidet sind, erscheinen die griechischen Weltbeherrscher in strahlend weißen Sportoutfits mit modischen Boxerstiefeln. Bis auf den cholerischen Poseidon: Mit schlabbrigem Sweater, Badelatschen und verfilztem Haar besetzt der heruntergekommene Meeresgott die Dusche und stibitzt Schwarzwälderkirchtorte aus dem Kühlschrank.
Salopp und voll Humor werden homerische Hexameter mit zeitgemäßer Jugendsprache verwoben. Episch lange Götterbotschaften werden durch live übertragene Videos auf drei über der Bühne installierten Flachbildschirmen in Szene gesetzt.
Nach der ersten Pause und mit einem Götterspeise-Lunchpaket versorgt, teilt sich das Publikum, um die Odysseen zweier heutiger Familien mitzuerleben. Während die eine Gruppe mit „Desaparecidos“ („Die Verschwundenen“) in das Argentinien von 1976 eintaucht, erhalten die anderen in „Haram“ („Tabu“) Einblicke in das Leben einer muslimischen Familie, die durch den Umzug nach Marokko fast an den dortigen Moralvorstellungen auseinander bricht.
Die ebenfalls geteilte Schauspieltruppe muss auch hier wieder mehr Rollen bedienen, als Darsteller zur Verfügung stehen. In der Inszenierung von „Haram“ gelingt der blitzschnelle Wechsel vom störrischen Kind zum sorgenden Elternteil mit Bravour. Letztlich sind es die Wesensverwandten des Poseidons, der konservative Onkel Abbas und der Milizionär José Antonio Mihura, die die Familien durch den ihnen entgegen gebrachten Widerstand ungewollt wieder vereinen.
Die Verknüpfung der drei in so unterschiedlichen Epochen angesiedelten Lebens- und Leidensgeschichten funktioniert leichthändig, es beeindruckt vor allem die grandiose Wandlungsfähigkeit der Jungschauspieler. Besonders einprägsam präsentieren sich Julia Nachtmann, die in Sekundenbruchteilen vom greinenden Teenie zur souveränen Kriegsgöttin switcht, und ihr Kollege Konradin Kunze, der nicht nur ein smarter Hermes ist, sondern auch vom Zehnjährigen bis zum aggressiven Onkel überzeugt.
Bei solchem Entertainment vergehen die vier Stunden (inklusive zwei Pausen), die auf ein großes Happy End zusteuern, wie im Flug. Denn wie bereits die eingeschobenen Zwischenteile eine überraschende Lösung finden, so darf auch der verirrte Held Odysseus am Schluss seine Frau Penelope in die Arme schließen und, anders als im homerischen Epos, glücklich mit ihr bis zum Lebensende unter dem Schatten spendenden Olivenbaum sitzen, bevor Hermes und Athene das Todesgeleit geben.
Franziska Kleeberg
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