Wohin mit den Theater-Kindern?
26. September 2008 von smoeEin Schauspieler-Tag in einer Monsterspielzeit am Kinder- und Jugendtheater sieht schon mal so aus: vormittags ab neun: zwei Schulvorstellungen, nachmittags: Probe, abends: Probe und/oder Vorstellung. Über die Endprobenwochen brauche ich hier kein Wort mehr zu verlieren. Auch am Wochenende, wenn die Familien in die Familienvorstellungen gehen, stehen die Schauspieler-Mütter und –Väter auf der Bühne. Es gibt zwar relaxte Tage, an denen keine Probe und nur eine Vorstellung angesetzt ist. Aber „Freizeit“ heißt im Theater meist, Stücke zu lesen und sich recherchierend auf eine Rolle vorzubereiten. Wohin, Monster noch mal, mit den eigenen Kindern? Ich rate von der Familiengründung ab.
„Theaterarbeit ist nicht besonders familienfreundlich“, bestätigt mir die ehemalige Verwaltungschefin Elke Franz. Sie selbst hat eine erwachsene Tochter und einen Sohn im Teenager-Alter und erzählt, dass sie erst wieder Vollzeit arbeitete, als ihr Sohn ab der 3. Klasse alleine von der Schule nachhause gehen konnte: „Meine Tochter kümmerte sich dann mittags und abends war mein Mann da. Es war immer organisiert, dass mein Sohn nicht alleine war. Zu zweit kriegt man das auf die Reihe.“ Ja, zu zweit (eigentlich waren sie zu dritt)! Und das bei relativ regelmäßiger Arbeitszeit. „Die Schauspieler haben stärker unter den Zeiten zu leiden. Ich bewundere, wie sie das machen“, ergänzt sie.
Wie machen es denn die Schauspieler? Erst mal ist erstaunlich, dass die große Mehrzahl tatsächlich Kinder hat (von eins bis fünf ist alles vertreten). Die älteren sind aus dem Gröbsten raus. Wilfried Reach strahlt, wenn er von seinen vier heute längst großen Kindern erzählt, gesteht aber, dass seine Frau die Hauptarbeit übernahm. Sieglinde und Reinhard Reimann „leisteten“ sich dagegen nur eine Tochter. „Wir probten ja oft zur gleichen Zeit und standen auch gemeinsam auf der Bühne!“ Aber: „Zu DDR-Zeiten gab es eine theatereigene Kinderbetreuung rund um die Uhr, die brachte unser Kind abends auch ins Bett,“ erzählt Reinhard Reimann. So war die Kleine den ganzen Tag mit den Eltern unter einem Dach. „Wir konnten zu ihr und sie mit raus nehmen, wann wir wollten. Es war schon ideal, immer in der Nähe zu sein.“ Doch besondere Rücksicht auf die jungen Eltern wurde gerade wegen dieses Angebots nicht genommen. „Die Proben liefen normal weiter, wir wurden weiterhin zusammen besetzt und standen bis 22 Uhr auf der Bühne.“ Dann hat man das Kind so spät nicht wecken und aus dem Theater verfrachten wollen. „Es bricht einem schon das Herz, dann nachts zuhause vor dem leeren Bettchen zu stehen. Das war sehr, sehr schwer!“
Heute würden sie das nicht mehr so machen. Könnten sie auch gar nicht annähernd. Theatereigene Krippen für die Mitarbeiterkinder sind abgeschafft. Die Häuser müssten das selbst organisieren und für Gelder trommeln. Schon merkwürdig: Kindertheater kooperieren mit Schulen und Tagesstätten und machen spezielle Angebote zur Freizeitgestaltung; manche Theater bieten während der Vorstellungen auch Kinderbetreuung für die Theaterbesucher an. Aber für Schauspieler-Eltern? Gibt man auf jugendtheater.net oder beim Kinder- und Jugendtheaterzentrum das Stichwort Kinderbetreuung ein: Fehlanzeige.
Trotzdem hat Susanne Krämer „noch mal nachgelegt“, wie sie grinsend sagt. Ihre Tochter ist zwei, ihr Sohn kam in diesem Sommer zur Welt. Ganz schön gewagt für die Karriere, finde ich. Krämer ist beim Publikum beliebt und wird oft in Hauptrollen besetzt. „Ich lasse mir vom Beruf das Leben nicht verbieten. Wenn man das nicht mitnimmt, weiß man auch nicht, was man auf der Bühne machen soll“, entgegnet sie. Im Theater wird man sie so schnell nicht sehen, eine Kollegin besetzt ihre Rollen, solange sie in Mutterschaftsurlaub ist. Und danach? Wird wieder ihr Mann, freier Schauspieler, mit den Kindern in der Stadt, im Park, im Theatercafé unterwegs sein. So wie man Martin Klemm, frisch gebackener Papa und auch Hauptdarsteller in vielen Stücken, seit einem guten halben Jahr fast nur mit Baby vorm Bauch durch die Straßen schlendern sieht, dass der Dramaturg (der seine Pflegetochter nur beim Frühstück trifft und den Rest des Tages nicht mitbekommt) schon argwöhnt, Klemm habe nicht genug zu tun. Elternurlaub hat er nicht genommen, weil seine Frau zuhause arbeitet und auch, weil das Theater ihn, wie er vermutet, aus Rücksichtnahme ein viertel Jahr von Proben verschont hat. Wäre das nicht der Fall, würde auch er derzeit nicht auf der Bühne stehen. „Ich hatte schon ein bisschen Angst, weil viele Eltern warnten, dass es total anstrengend würde. Aber so ist es nicht! Es ist total toll! Funktioniert aber nur so gut, wenn ein Elternteil zuhause ist. Den Urlaub hätte ich genommen, wenn meine Frau voll arbeiten müsste.“
Also doch Familie gründen und „nachlegen“? Was ist aber mit den älteren Kindern, Schulaufgaben, Hobbies usw.? Wohin mit ihnen, wenn beide Eltern Karriere machen? Und gibt es überhaupt Alleinerziehende am Theater?
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