Matthäuspassion von Herrn Hartmann! Chapeau!

19. September 2008 von masch

Angekommen! Herzlichen Glückwunsch! Hab gestern zwar nicht alle Teile der Passion des Herrn Hartmann sehen können (nur Teile zwei und drei), aber die Lust auf Aufbruch, nach Spektakel, nach Leidenschaft wurden nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Zuschauerraum deutlich. Obwohl die Sehnsucht des Publikums, etwas mehr kichern (oder sogar lachen) zu können, von Hartmann nicht freiwillig bedient wurde. Aber das Publikum fand immer etwas komisch, selbst einen harmloser Huster einer alten Frau in der Stille zu Beginn des dritten Teils. Und selten eine so intelligente Zuschauerreaktion gesehen. Denn schon dieser kleine Huster störte die beabsichtigte Konzentration (Andacht?), der Schauspieler wartete, die Zuschauer bemerkten den Bruch zur gewollten Stille des Beginns, kicherten erst, merkten, dass ihr Kichern in Kontrast zur Bühne stand und lösten dann den unbeabsichtigten Moment in herzlichem Szenenapplaus auf. Wundervoll. Dass Jesus erst ne ganze Zeit brauchte, neue Konzentration herzustellen, brachte andere Zuschauer dann schon wieder an den Rand der Ungeduld.

Dass anschließend, im dritten Teil, der Heilsanspruch des Jesus als träumerische oder sogar wahnhafte Selbstüberschätzung des Menschen deutlich wurde, ein liebevoll-irdischer Schutzengel Jesus zu sich selbst bringen wollte und anschließend mit seinem (Bühnen-)Leben bezahlen musste, weil der Mensch Jesus schon unfähig geworden ist, den Bedeutungsverlust zu ertragen, den er ohne messianisches Heilsversprechen und der damit einhergehenden Selbsterhöhung erleiden würde, halte ich für eine super gelungene Spiegelung unserer unduldsamen, geltungssüchtigen Welt. Die anschließend von Neuem als “TheaterTheater” augenzwinkernd augenzwinkernd als neue Rechthaberei durch den Kakao gezogen wurde. Und das Publikum kollektiv als utopielose, behäbig trantütige Konsorten angegangen wurde. Also wiederum Rückfall ins alte fundamentalistische Besserwisserschema. Und dann noch ne Volte. Uff. Da hat vermutlich Herr Bautz Herrn Hartmann endgültig besiegt. Und will Freiheit nur noch als Einsicht in die Unendlichkeit schwarz-romantischer Ausweglosigkeit ins Angebot nehmen.

Wunderschön aber die Fusswaschszene des Judas, der Jesus als Verräter beschimpft, weil er sich nicht am Kreuz abschlachten lassen will. Dieses Bild sagte mehr, als alle gewollt ironischen Brechungen. Zwei Verräter, voller Erschöpfung und Zärtlichkeit. Aber: “Ohne Opfer keine Erlösung”. Und da sind wir doch wieder bei der Selbstaufopferung. Und dem Glauben.

Mit oder ohne Autobombe im Gepäck.

Dass die Leipziger Sebastian Hartmann freundlich erwartungsvoll willkommen hießen, war beim anschließenden Applaus sehr wohl zu spüren. Keine frenetische Heilserwartung an ihn stellend, aber immerhin. Die Bravi kamen in meinen AugenOhren überwiegend aus Reihen der Claque. Seisdrum. Bin gespannt auf die Elektro-Schocktherapie des Herrn Hamlet.

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