Sebastian Hartmann kündigt Disko “Schauhaus”
16. Mai 2008 von maschWow, wenn die Absichten des neuen Intendanten, die er gestern den Freunden des Leipziger Schauspiels kundtat, auch nur halbwegs wahr werden, könnte fast ein bisschen Prater-Stimmung samt Original-Pollesch-Darsteller und Independent-Konzertschiene Einzug halten ins kleinstädtische Leipzig. Großstadtfeeling und ein Theater „am Puls der Zeit“ verspricht der welterfahrene Fast-40-Jährige „alte Mann“ Sebastian Hartmann. Die internationale Welt, zumindest Freunde und Bekannte Hartmanns, hält demnächst Einzug ins arg niedertourig laufende Leipzigmobil. Schöne Aussichten!
Doch halt! Großstadt schön und gut, aber selbst dem Intendanten ist zuviel, was zuviel ist. Berührungsängste abbauen ist zwar der Slogan Hartmanns all jenen gegenüber, die dem Theater bisher die kalte Schulter gezeigt haben – und das solange, bis selbst der letzte Taxifahrer bei „Einmal Schauspielhaus bitte“ nicht erst den Navi einschalten muss. Dennoch. Der großstädtische Puls, der auch außerhalb des Rings Einzug in Leipzig halten soll, darf seine Besucher dann doch nicht zu unliebsam in die raue Wirklichkeit entlassen. Die eigenen Besucher dürften natürlich nach Verlassen des Hauses nicht in Gefahr geraten, in großstädtisch kleinkriminelle Schießereien verwickelt zu werden. Bandenkriege – bitteschön – nur auf der Bühne und in Kunstlicht getaucht. Da weiß sich Hartmann ganz einig mit dem Sicherheitsempfinden des neuen Leipziger Polizeipräsidenten Horst Wawrzynski („Das Sicherheitsgefühl der Leipziger Bevölkerung ist aus meiner Sicht mehr als angegriffen.“). Die Sperrung der Gottschedstraße hat vielleicht noch nicht geklappt, zur verkehrsberuhigten Zone wird laut Hartmann vorerst nur die Bosestraße, aber immerhin hat das Schauhaus am Ring seine Kündigung bereits erhalten. So löst man Probleme!
Das am Wochenende diskolos umherziehende Publikum kann dann umso besser in die hauseigene Konzertreihe gelotst werden. Zwei Fliegen mit einer Klappe! Tapfer, Herr Hartmann!
Die interessierten Dealer und Waffenhändler wiederum werden das so schnell natürlich nicht schnallen, ergo: brutale Wirklichkeit ist einfach weg bzw. bleibt außen vor (oder innen drin, hübsch beleuchtet). Aber selbst wenn die Herren Dealer Herrn Hartmann auf die Schliche kommen, jedweder Besucher der neuen Musikszene, auch der mit bösen Absichten, müsste selbstverständlich erst die hauseigene Security, die Damen an der Theaterkasse, überwinden. Chancenlos. Hartmann greift also – nach seinem frei nach der “Sportgruppe” Hoffmann benannten – „Wehrtheater Hartmann“, abermals zum äußersten und wird das Schauspiel als von allem Übel befreite Zone mit amtlichem Sperrgebiet drumrum und Bistrostühlen vor dem Haus ausweisen können und damit die Welt wieder etwas retten.
Endlich ein bisschen Frieden in der City, Zeit zum Philosophieren, Zeit, mit dem Thomaskantor über die Matthäuspassion zu schwätzen, Zeit, Pläne zu schmieden, wann denn die vielgelobte „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“-Inszenierung des Hamburger St. Pauli-Theaters eingeladen werden kann, wie es Hartmann schon in Aussicht stellte, wenn das eigene Programm mal keinen mehr vom Hocker risse.
Wawrzynski, hergehört! Der Mann hilft! Der Leipziger braucht fortan keine Ängste, weder vor Berührung mit dem Schauspiel, noch vor bösen Buben auf der Straße, zu hegen, höchstens vor Virginia. Obwohl, die kommt aus St. Pauli. Und war – hörte man unlängst – da nicht auch irgendwie organisierte Kriminalität im Spiel? Nicht dass diese auf dem Umweg über das Gastspiel von den friedlichen Leipzigern erfährt? Na, Hartmann? Ist das schon bedacht?
Sonst schnell auf die Bistrostühlchen vorm Haus setzen, überlegen und neue Visionen verkünden! Bitte!
Übrigens: Herzlich willkommen, liebe Hartmänner und -frauen!
www.tdjw.de

Am 23. Mai 2008 um 17:12 Uhr
Hartmanns Entschluß den Schauhäuslern (also der Prolldiscothek) zu kündigen ist meiner Meinung nach großartig. Ein mit mir befreundeter Schauspieler wurde vor 2 Jahren vor dem Laden von Nazis zusammengeschlagen, weil er mit ihnen über das Zeigen des “Hitlergrußes” in der Öffentlichkeit diskutieren wollte (natürlich ist das dumm, aber durchaus rechtschaffen). Das “Securitypersonal” (bzw.die Kumpels der Nazis), die vor dem Schuppen “Wache” schoben sah dem Ganzen zu ohne den Angegriffenen Schauspielern zu verteidigen.
MIT PROTOFASCHISTEN MÖCHTE MAN NICHT UNTER EINEM DACH ARBEITEN !!!
Deshalb: klarer Punkt für Hartmann (wenigstens dieses eine Mal)
martin reik
Am 26. Mai 2008 um 12:21 Uhr
nee nee. lieber martin reik,
da spricht mir zu viel dünkel aus deiner haltung. kann ich nicht teilen. außer: es ist widerlich, wenn leute zusammengeschlagen werden und andere sehen teilnahmslos (oder befriedigt?) zu das ist protofaschistisch, wie du sagst. und dass den securityleuten nicht zu trauen ist, ist für mich offensichtlich. keine weiteren kommentare. und deinen leidenschaftlichen hass auf brutalität, zumal wenn er sich aus rechter haltung speist, bewundere ich.
aber was hat das mit einer “prolldiscothek” zu tun? willst du deren ganzes publikum einfach in sippenhaft nehmen? untersagen, verbieten disziplinieren, weghaben wollen, wegsehen – für mich ist das alles eine soße.
konfrontieren ja, völlig o.k.! natürlich besser so, dass man nicht gleich zusammengeschlagen wird.
und zu hartmann: dass der angst um seine zuschauer hat, ist klar. und verständlich, dass ihm sein geschäft wichtig ist. aber als großstädtisch, auf welchen begriff er in jener veranstaltung nur zu oft bezug nahm, und auch mit entsprechend elitärem sendungsbewusstsein, kann ich diese haltung nicht bezeichnen. das ist: hauptsache, raus aus meinem blickfeld!
der lindenauer markt, das kann ich dir sagen, ist garantiert auch kein wellness-park flanierender kulturfreaks. den letzten schwerverletzten (übrigens auch im zusammenhang mit den von hartmann gemeinten dealerkreisen) hat es dort erst letzte woche gegeben und trotzdem ist von seiten des theaters der jungen welt (mangels einflusses?) noch niemand auf die idee gekommen, den markt (oder einen kiosk, einen dönerladen, …) sperren zu lassen.
soweit erstmal – um ein wenig zurückzupfeffern.
nichtsdestotrotz herzlich, masch