Beute und Bombardement im Theater oder Der Fäden-Spinner von der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
14. Mai 2008 von smoeEs ist Dienstagvormittag nach Pfingsten, in Matthias Schiffners Büro bleibt es relativ ruhig: Die Chefdramaturgin klopft an, um über eine aktuelle Stückbeschreibung und Halloween 2009 zu reden, die Assistentin informiert über graphische Details von der Layouterin für den nächsten Programmzettel, die Theaterpädagogin möchte ihr Begleitmaterial besprechen. Matthias sagt, „frag doch mal die und den, ich schau mal in meiner Datei, ich rufe zurück, ich maile gleich, ich lasse mir was einfallen“. Am Telefon klingeln der Intendant, mehrere Anzeigenkunden, ein Gast- und ein ehemaliger Regisseur, der sich nach den Rechten für seine Stückbearbeitung erkundigt. Matthias vermittelt weiter zur Chefdramaturgin und lässt sich Neues über eine geplante Produktion erzählen, notiert Namen, zieht Zeitungsartikel aus der Tasche, Kopien aus der Ablage, nennt selbst Namen und erfährt dabei noch mehr über weitere Namen und Stücke. Als er auflegt erwidert der Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit mein Schmunzeln: „So hängt alles mit allem zusammen. Wenn ich mit Leuten rede, fallen mir immer tausend Fäden zu weiteren Themen, Texten, Stücken ein oder ich erinnere mich an Bekannte, die was hier gesehen und dort gehört haben. Damit nerve ich meine Kollegen in der Dramasitzung schon mal.“ Aber, er kann und soll auch gar nicht anders. Matthias Schiffner spinnt immerfort Theaterfäden nach drinnen und nach draußen, macht Materialbeute, bombardiert Kollegen und Journalisten mit seinen Funden – und lagert sie in dicken Ordnern, die auf Abarbeitung drängen.
Gleich neben dem Bildschirm liegt solch ein Exemplar, voll mit Projektskizzen, zu denen Matthias noch einen Beitrag liefern muss. „Es sind die Sachen, die Zeit brauchen und ich schiebe sie leider immer weiter nach hinten, weil täglich neue Dinge hinzukommen.“ Aktuell ist anderes zu erledigen: Auftragsbestätigung an einen Kooperationspartner, Spielplan an den Besucherring, Einladungen für die Werkstatttage verschicken, die Werbung für das Projekt Wasser/Lebensläufe planen, beim Ordnungsamt die Aufhängung eines Banners beantragen, die geeignete Werbeform zur Premiere von Streichholz planen und – überaus dringend, weil schon sehr verspätet – das neue Spielzeitheft endlich fertig machen, damit es den Schulen noch vor den Sommerferien vorliegt: „Ich darf gar nicht daran denken, was ich noch alles nicht erledigt habe.“
Der Reihe nach. Was ist Presse- und Öffentlichkeitsarbeit? Für Matthias lautet die Frage der Öffentlichkeitsarbeit: Wie wollen wir uns präsentieren? Wie können die Drucksachen unsere ästhetische Haltung, unsere Corporate Identity, verkörpern? Und, wie können wir Kinder, Jugendliche und Erwachsene je auf besondere Weise ansprechen. Diese Überlegungen gehen in seine Spielzeithefte, Plakate, Banner, Monatsleporellos, Newsletter, Slogans und Flyer zu einzelnen Stücken und Projekten ein. Matthias und der Intendant betreiben dabei eine Art „Guerillataktik“, sie machen das Theater an vielen Stellen bemerkbar, wo es gerade niemand vermutet.
Dazu ist die Pressearbeit wesentlich, denn Nichterwähnung in der Zeitung bedeutet Nichtexistenz. Also bombardiert ein Pressereferent sämtliche Medien mit Pressemitteilungen über anstehende Premieren, Projekte, Gastspiele, wachsende Zuschauerzahlen, wachsende Geburtenraten, großartige Preise und das Hüsteln des Theaterbusses. Doch damit nicht genug: „Da es in Leipzig nur sehr wenige Theaterredakteure gibt, müssen wir permanent für den Respekt arbeiten, dass unsere Premieren genau so ernst genommen werden, wie die im Erwachsenentheater.“ Matthias hat festgestellt, dass die Berichterstattung sofort einbricht, wenn er sich weniger um die Presse kümmern kann. „Dann wird weder die Ankündigung noch die Absage einer Premiere berücksichtigt. Wir müssen permanent um Aufmerksamkeit buhlen und das geht am besten im persönlichen Gespräch.“ Also, nicht nur regelmäßige Mitteilungen verschicken, sondern viel telefonieren und die Verantwortlichen bei jeder Gelegenheit direkt ansprechen.
Andererseits entwickelt die Webkultur eine ganz eigene Dynamik. Es gehört zu Matthias’ originären Aufgaben, die Internetseite mit Texten und Bildern zu gestalten. „Sich über das www zu präsentieren und auch Dienstleistungen anzubieten, wird immer wesentlicher. Das ist ein wachsendes, riesiges Feld für die Öffentlichkeitsarbeit!“
Wie wird man fit für so einen Allround-Job? Matthias Schiffner hatte ein klassisches Geisteswissenschaftliches Studium (Theaterwissenschaften, Literatur, Philosophie) inklusive Theaterpraktikum intus, als er in den 1980ern Dramaturgieassistent in Paderborn wurde: „Das umfasste damals quasi alles, man wurde vom Theater vollständig aufgesogen. Ich stand selbstverständlich auch auf der Bühne und Öffentlichkeitsarbeit machte ich von Anfang an mit.“ Das ging nicht ohne Reibung, denn sein Stil war einigermaßen intellektuell, was seinen Mentor veranlasste, ihn immer wieder mit „Langweilig! Uninteressant!“ abzufertigen. „Er sagte nie, wie die Texte denn sein müssten, aber ich habe es immer weiter versucht und dabei einfach viel gelernt“, sagt er heute. Was? „So zu schreiben, dass es Spaß macht, die Texte zu lesen und dass man dann Lust bekommt, das Theaterstück tatsächlich zu sehen. Die interessanteste Frage ist, wie übersetzt man den Stückinhalt so, dass die Leserschaft zum Publikum wird.“ Wie man es macht, verrät auch er nicht. Nach seiner Station als Dramaturg in Oldenburg (wo er wieder in der Öffentlichkeitsarbeit mitmischte, weil die bestehende ihm nicht gefiel) wurde er in Wilhelmshaven selbst Leiter der Sparte Kinder- und Jugendtheater. Am Staatstheater Oldenburg lernte er übrigens Jürgen Zielinski kennen, holte ihn als Regisseur ans Haus und ging 2002 dann mit ihm nach Leipzig, wo er wiederum auch dramaturgische Fäden spinnt.
„Ich bin hier in ganz viele Sachen einbezogen. Öffentlichkeitsarbeit ist ein Schleudersitz. Von Dir wird im Grunde alles erwartet. Dass natürlich nicht alles geht, muss man aushalten.“ Und das sagt er gar nicht im warnenden Ton, sondern merkwürdigerweise eher einladend. Zur Zeit kann Matthias ja auch an Karen delegieren. Die überaus rührige FSJ-Frau hat die Werbung zum Tag der Familie im Küchenholz übernommen, wo am Samstag im Theaterbus die Schnecke wissen will, wer ihr Haus geklaut hat. Karen, erzähl mal, was er Dir da “vermittelt” hat…
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