Von wegen Licht aus, Spot an. Das Trollkind und die Gobos
18. April 2008 von smoeBeim Trollkind (Premiere am 12. April) lugt die Sonne durch nicht vorhandenes Blattwerk. Man gerät in graue Nacht und gleißenden Tag, in einen düsteren Wald und auf eine sonnige Lichtung, sogar in eine Feuersbrunst. Wenn der Troll die Bäume berührt, leuchten sie von innen; wenn er Mäuse und Schlangen mampft, ist auch das Licht ziemlich matschig. Und die Zuschauer lassen sich bereitwillig selbst in die ekligsten Stimmungen versetzen. Schuld sind die Beleuchter. Ich habe in der Lichtprobe zugesehen, was sie da machen – und vielleicht so „viel“ verstanden:
Regie: „Beim Abgang Trollfrau soll es dunkler werden.“ Beleuchtungsmeister Steffen Wieser, leise in ein Mikrophon: „Stimmung 14 abgedunkelt, die 118, Musiker, und 217, Zentrum, um mindestens 20 Prozent runter.“ Es geschieht. In der nächsten Szene wird es wieder hell. Die Regie möchte sich die Stimmung genauer ansehen: „Eine gemütliche Atmosphäre. Und dann hat der Troll ja besondere Mächte, auf die die Bäume reagieren.“ Steffen, ohne zu zögern: „Stimmung 14, verketten mit Stimmung 18-1, 0 Sekunden rein, 2 Sekunden stehen lassen, 2 Sekunden wieder raus.“ Durch die Ritzen in der Baumrinde leuchten kleine Lämpchen aus einem Lichtschlauch hell auf und verglimmen langsam wieder. Szenenwechsel. Regie: „Auftritt der Bäuerin mit Kind beim Waldspaziergang.“ Steffen: „Stimmung 16, dann die 127 weg, 201 und 140 auf 100 Prozent, Stellwerk links reduzieren, rechts prozentual etwas anheben.“ Die Tribüne und die linke Bühnenhälfte fallen ins Dunkel, auf der rechten Seite liegt jetzt tatsächlich ein Spot. Regie: „Was habt ihr euch für den Wald überlegt?“ Steffen ins Mikro: „Stimmung 20, geh mal auf die mittleren drei Gobos, einen separieren und auf 80 Prozent. Jetzt!“ Auf die blattlosen Baumatrappen sprenkelt plötzlich Sonnenlicht, als ob Laub seinen Schatten auf die Bühne wirft. Regie sagt „Aha“, ich denke „Oh!“, Steffen fragt „Okay?“, Regie sagt „Jo“. Wir sitzen im Sommerwald.
Es ist der große Saal und die erste Lichtprobe am Dienstagvormittag, fünf Tage vor der Premiere. Steffen Wieser sitzt am Regiepult neben der Regisseurin. Franziska-Theresa Schütz beschreibt einzelne Szenen, Steffen macht Notizen und spricht leise in die „Quatsche“ auf dem Tisch. Der ist nicht ganz so voll wie bei der Tonprobe zum Woyzeck: Kaffeetassen, Gummibärchen, Notizblock, Regiebuch, Steffens Lichtplan (eine Saalskizze in Draufsicht mit angedeuteter Arena-Bühne und den beiden Zuschauertribünen, darüber gezeichnet ein größeres und ein kleineres Rechteck, auf den Linien und im leeren Zentrum befinden sich in unterschiedlichen Abständen Kreuze und daneben dreistellige Ziffern – die Nummern der Scheinwerfer) und ein kleines Schalterpult mit Mikro, durch das Steffen mit dem Beleuchter Samuel Pilling spricht, der das eigentliche Reglerpult hinter der großen Glasscheibe über der Tribüne, im „Stellwerk“, bedient. Im Saal sind noch anwesend die Bühnenbildnerin, die Inspizientin, die Regieassistentin und keine Schauspieler, sondern die Beleuchtungsstatisten (Karen war dabei, siehe ihren Blog unten!)
Nächste Szene. Samuels Stimme im Mikro fragt, ob er die Überblendzeit nicht auf 0,5 setzen solle. Steffen ist einverstanden und schon gleitet das gelbe Licht fast unmerklich in ein Dunkelgrün über anstatt abrupt zu springen. In einer anderen Szene meint die Regie: „Das ist hier vorne jetzt alles wunderbar, aber hinten passiert ja auch etwas Wichtiges, der Troll verhungert nämlich fast.“ Steffen: „Ach so, das hab’ ich vergessen“. Überlegt. Regie: „Nimm mal die seitlichen Scheinwerfer wieder weg. Nein, schade. Wieder an.“ Samuel hört mit und setzt um. Regie: „Steffen? Wie findste das?“ Steffen schweigt. „Schön ist anders?“ „Ja.“ Und dann kommt der Beleuchtungsmeister mit seinen Vorschlägen heraus, Samuel setzt sie um – allgemeine Zustimmung.
Das Gestalten von Räumen mit Licht macht den Beruf für Steffen interessant. Sein Ziel ist, die Illusion des Bühnengeschehens zu unterstützen. Er hat noch zu DDR-Zeiten in Leipzig den Lehrberuf „Künstlerischer Beleuchter“ mit Spezialisierung auf Elektromonteur abgeschlossen und kam 1986 gleich ans Theater der Jungen Welt. In Düsseldorf hat er seinen Meister gemacht und ist seit 1996 Leiter der Beleuchtungsabteilung mit insgesamt vier Mitarbeitern, von denen immer zwei an einer Inszenierung arbeiten. „Das ist ein schönes kleines Team hier, wir sind keine Spezialisten, die nicht wissen, was der andere tut; jeder macht alles: im Stellwerk, auf der Bühne, auf der Galerie und als Verfolger. Wir machen kein stupides Hingehänge von Scheinwerfern nach Plan. Da sind ja nicht bloß Birnen drin“, grinst er und wirft mir seine „Arbeitsgeräte“ an den Kopf: Niedervoltscheinwerfer (für kalt-blaues Licht), Hallogenscheinwerfer (für warmes Licht), Profilscheinwerfer (Optik mit 2-3 Linsen für Verschiebung von Lichtkreisen und –Strahlen), 2 KW Fresnel-Scheinwerfer oder Streulinsen, Farbwechsler (Apparat vor der Linse mit verschiedenen Farbfolien, die sich ferngesteuert austauschen lassen); mit Shutter-Blechen gelingt den Beleuchtern die Quadratur des (Licht-)Kreises und mit den Gobos (Metallschablonen vor der Linse) zum Beispiel das Ausschneiden eines Fensters oder eines Flurs im Raum – oder eben der heimelige Blätterwald im Trollkind. Ach, und für die Pyro- und Videotechnik sowie sämtliche Spezialeffekte ist Steffens Abteilung auch zuständig (die Nebelmaschine macht richtig Dampf, mit dem Hazer verteilt sich der Dunst – wenn man den richtigen Platz für ihn findet).
Jetzt ist erst Mal Mittagspause. Steffen räumt Kabel weg und mit meiner Verwirrung auf: Wie entsteht denn die Beleuchtung einer Inszenierung?
In der Konzeptionsprobe erhalten die Lichttechniker nur eine Ahnung davon, was in der neuen Inszenierung möglicherweise auf sie zukommt. Steffen liest das Regiebuch und entwickelt eigene Vorstellungen. „Auf der Probebühne schaue ich genau zu, wie das Stück angelegt ist, welches Tempo es hat, wohin sich die Schauspieler mit welchem Ausdruck bewegen. Besonderheiten der Bühne muss ich beachten: Wir haben eine Arena in der Saalmitte, also hängen wir darüber ein Traversensystem (das quadratische Stahlgerüst für die Scheinwerfer); bei den Stegen sorge ich für Unterleuchtungen; außerdem achte ich auf das Material und was es ausdrücken soll“ (Bäume mit bedrucktem Stoffbezug muss er anders beleuchten als die Halfpipe in Nachtblind). „Und erst im intensiven Gespräch mit der Regisseurin am Modell zehn Tage vor der technischen Einrichtung gleichen wir unsere Vorstellungen zu den Lichtstimmungen ab.“ Eine Lichtstimmung fasst die für eine Szene verwendeten Scheinwerfer in Stärke, Qualität und Farbe zusammen. „Manchmal muss man den eigenen Entwurf dann komplett wieder vergessen, oft stimmen die Ideen auch überein. Manchmal hat ein Regisseur die Beleuchtung schon komplett im Kopf, oft entwickeln wir sie gemeinsam“, erzählt der Meister.
Nun nimmt Steffen die Struktur in sein Regiebuch auf und entwirft seinen Lichtplan (der Zettel mit den Linien und Kreuzen), nach dem die Scheinwerfer in der Einrichtungsprobe am Tag vor der Beleuchtungsprobe positioniert werden. Steffen macht erste Leuchtversuche, um festzustellen, was mit diesem speziellen Bühnenraum alles (nicht) geht. „Das Problem bei der zentralen Bühne ist, dass sich die Zuschauer gegenüber sitzen. Ich muss also alles von zwei Seiten kontrollieren und aufpassen, dass kein Zuschauer geblendet und kein Schauspieler verdunkelt wird. Bestimmte Effekte, wie Gegenlicht, sind hier nicht möglich.“ Es kommt vor, dass dann mit dem Licht alles prima funktioniert, aber die Probe mit den Schauspielern vieles über den Haufen wirft (weil etwa die Kostümfarben sich mit dem Licht beißen oder die Bühne stark reflektiert oder die Schauspieler sich gegenseitig in den Schatten stellen
. Auch Ton und Licht müssen ja haargenau zusammen passen. Diese Probleme in den letzten Tagen vor der Premiere zu beheben, ist wieder Steffens Aufgabe. „Das alles war aber hier nicht der Fall. Wir mussten nur ein paar Überblendzeiten anpassen“, sagt Steffen noch, bevor er sich wieder auf die Suche nach dem idealen Platz für den Hazer macht.
Was ich zur Premiere bei Samuel im Stellwerk gesehen habe, nämlich fast nichts, erzähle ich demnächst.
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